Es ist ein Jammer mit ehrgeizigen Genie-Söhnen: Der Geltungsdrang führt sie auf den Weg des Vaters - und oft genug in die Sackgasse der Kleinmeisterei. Anders sieht das im Fall von Carl Philipp Emanuel Bach aus. Carl Philipp . . . wer? Im späten 18. Jahrhundert hat das keiner gefragt.

C. P. E. Bach galt als der Komponist der Stunde, sein Vater bloß noch als der "alte" Bach. Tatsächlich: Dem Tonsetzer mit dem dunklen Haar (darum auch "der schwarze Bach" genannt) ist das Kunststück gelungen, seinen Vater nahezu aus der Musikgeschichte zu radieren. Zumindest für einen gewissen Zeitraum.

C. P. E. Bach BeyondThe Limits:Complete StringSymphonies (harmonia mundi)
C. P. E. Bach BeyondThe Limits:Complete StringSymphonies (harmonia mundi)

Ansichtssache natürlich, ob dieser CPE wirklich der bessere Komponist war. In seiner Zeit ist er jedenfalls ein Pionier gewesen. Einer, der Maßstäbe setzte in der Evolution der Tonkunst und Noten schrieb, die einen Mozart und Beethoven begeisterten. Aus diesem Grund wird der einstige Musikstar heute gern als Bindeglied zwischen Barock und Klassik gesehen. Ein Urteil, das ihm jedoch unrecht tut. Denn es degradiert CPE zur gesichtslosen Relais-Station der Musikgeschichte, zu einem Mann ohne musikalische Eigenschaften und Handschrift. Und die hatte er wohl.

Beethoven, Brahms Violin Concertos (Canary Classics)
Beethoven, Brahms Violin Concertos (Canary Classics)

Ein Zeugnis davon legen seine Hamburger Symphonien für Streichorchester und Continuo ab, 1773 unter denkbar günstigen Bedingungen entstanden. Baron Gottfried van Swieten, Sponsor der Wiener Klassik (und Begründer der Karteikarten an der kaiserlichen Bibliothek), hatte CPE damit beauftragt und ermutigt, die Feder nur unbekümmert laufen zu lassen, ohne Rücksicht auf technische Schwierigkeiten. Was der Bevollmächtigte auch nach Kräften tat. Seine sechs Symphonien sind - nach heutigem Verständnis - zwar mikroskopisch dimensioniert, dauern jeweils höchstens zehn Minuten, sind dafür aber musikalisch oho: Die zwei Außensätze strotzen stets vor pfiffigem Elan, eigenwilligen Unisoni und Melodien, die kühne Modulationswege gehen. Und der Mittelsatz mischt seiner Lyrik ebenfalls gerne Überraschungen bei, nicht selten einen grimmigen, verminderten Schock-Akkord.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Die französische Barockgeigerin Amandine Beyer hat sich diese Bravourstücke nun mit ihrem Ensemble Gli Incogniti vorgenommen und kostet den Esprit ebenso spritzig wie delikat aus. Dabei glänzt die Einspielung nicht zuletzt mit jener Tugend, die CPE in seinem "Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen" im Jahre 1753 eingemahnt hatte: "Aus der Seele muss man spielen, und nicht wie ein abgerichteter Vogel."

Aus diesen Seienstiefen scheinen auch die Geigentöne von Gil Shaham zu kommen, jedenfalls berücken sie beim Hören entsprechend: Ein Gesang ohne Worte, feingliedrig und glitzernd wie ein Silberkettchen, eine Preziose von ausdrucksstarkem Glanz und zarter Eleganz. Schade nur, dass der US-Amerikaner hier mit einer Brooklyner Kombo namens The Knights kooperiert. Die scheut auch den grellen Effekt, liefert damit aber eine unfreiwillige Parodie auf die Parole "Small is beautiful". So kleinlaut und aschgrau, wie die Geigenkonzerte von Brahms und Beethoven tönen, meint man einem Mäuseorchester bei der Arbeit zu lauschen. Ein Album, ausschließlich wegen seiner Zentralgestalt relevant.