Das erste Orchesterwerk des finnischen Komponisten Jean Sibelius war die Chorsinfonie "Kullervo" nach Texten aus dem Kalevala. Damit fixierte er die Grundstimmung seiner Musik: Mit seinem Umkreisen weniger Töne, seinen insistierenden Rhythmen und den Streichertremoli, die beben wie die Meeresoberfläche oder Wälder im Wind, brachte er einen neuen, gleichsam mythischen Tonfall in die Musik.

Herbert von Karajan begeisterte sich für Sibelius schon zu einem Zeitpunkt, als dessen Werke in Mitteleuropa noch fremd waren. Wer nun aber erwartet, dass der Magier des Schönklangs die Schroffheiten dieser Musik polieren würde, irrt: Karajan lässt Sibelius’ Werk in all seiner rauen Größe erstehen.

Für zwei Labels hat Karajan Sibelius aufgenommen: Zum ersten Mal für die DG die Sinfonien vier bis sieben, dazu, von den gewichtigen Werken, das Violinkonzert, "Finlandia" und "Tapiola". Für die EMI (jetzt Warner) hat er die Sinfonien eins, zwei, vier bis sechs, "En saga" und "Tapiola" eingespielt.

Jean Sibelis Sinfonien 4-7, Violinkonzert u.a. (DG)
Jean Sibelis Sinfonien 4-7, Violinkonzert u.a. (DG)

Die DG hat nun, technisch auf Hochglanz gebracht, ihren Karajan-Sibelius in einer fünf-CD-Box aufgelegt - und diese Interpretationen sind das beste, was (neben der Warner-Karajan-Box) an Sibelius auf dem Markt ist: Weil Karajan diese Musik versteht, ihre ungeheuren Energieströme freilegt, ihre Hymnik ebenso realisiert wie ihre Herbheiten, die in den EMI-/Warner-Einspielungen noch stärker in den Vordergrund treten. Ein Jammer, dass Karajan nie die Dritte Sinfonie dirigiert hat und es somit keinen kompletten Sibelius-Sinfonie-Kanon unter seiner Leitung gibt.

Jean Sibelius Sinfonien 1-7, "Kullervo" (BIS)
Jean Sibelius Sinfonien 1-7, "Kullervo" (BIS)

Auch der Finne Osmo Vänskä hat zwei Sibelius-Zyklen vorgelegt: Der erste, mit dem Lahti-Symphonieorchester war bemerkenswert, weil Vänskä diese Musik mit dem Anspruch einer Klangrede inszenierte. Die verhältnismäßig kleine Streicherbesetzung klang durchsichtig, flackerte fast etwas nervös, und gab den Bläsern Raum für ihre Tonerzählungen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Nun legte Vänskä eine Neueinspielung der Sinfonien mit dem hervorragenden Minnesota-Sinfonieorchester vor, dessen Chefdirigent er derzeit ist - und enttäuscht. Fast scheint es, als wolle er den Weg fortsetzen, den der Sibelius-Papst Paavo Berglund in seinem seltsamen dritten Zyklus eingeschlagen hatte, als er mit dem Chamber Orchestra of Europe versuchte, ohne Interpretation, gleichsam objektivierend, jedes Detail der Partituren hörbar zu machen.

Auch bei Vänskä sind alle Details deutlich. Selbst gute Sibelius-Kenner staunen über neu entdeckte Akzente, über eine Dynamik, die minutiös die Partiturvorschriften respektiert, sie vielleicht in den Extremen übertreibt, um sie erfahrbar zu machen. Doch Vänskä opfert der Detailarbeit den Spannungsbogen. Die Musik erscheint kurzatmig, die Höhepunkte wirken gewollt und ergeben sich nicht aus dem viel zu sehr regulierten Fluss der Musik, Kontrapunkte überwuchern die hymnischen Themen mit einem Stimmengestrüpp, in dem alles gleiches Gewicht haben will. Frei und groß entfaltet sich nur "Kullervo".

Dennoch: Wer sich für Sibelius interessiert und wissen will, was in den Partituren steht, sollte, gerade wegen dieser Detailarbeit, zugreifen. Oder, noch besser: versuchen Berglunds späten (und leider gestrichenen) Zyklus aufzutreiben. Allerdings: Diese Zyklen sind für Hörer interessant, die ihren Sibelius gut kennen und auf Entdeckungsreise gehen wollen. Wer sich überwältigen lassen will, greift besser zu Karajan, oder, wenn der Zyklus komplett sein soll, zu Leif Segerstam mit dem Helsinki Symphonieorchester auf Ondine.