Eine "Weltpremiere" nannte Intendant Rudolf Buchbinder das Eröffnungskonzert des Grafenegg Festivals - und übertrieb damit nicht. Am Freitag gelangte das Verdi-Requiem zur Aufführung, jedoch ohne Chor. Die Corona-Infektion eines vollständig geimpften Mitglieds, knapp vor dem Konzert erkannt, führte zur Entscheidung, auf die Mitwirkung des gesamten Wiener Singvereins zu verzichten; das Programm wurde weitgehend beibehalten. Nur die Sätze "Introitus" und "Sanctus" wurden vollständig gestrichen.

Vier hochkarätige Gesangssolisten entschädigten für die entgangenen Klangfreuden. Ohne die Stimmgewalt des Chors im Rücken, zollte Sopranistin Krassimira Stoyanova mit ihrem Solopart im gekürzten "Libera me" dem Werk Respekt - zart, pur und voller Dramatik. Ein Trauer-Genuss, der tief unter die Haut ging. Daneben glänzte die Mezzosopranistin Clémentine Margaine mit dem nötigen Ausdruck und ihrer klaren, tief reichenden Stimme. Tenor Piotr Beczała sorgte für italienisches Timbre, hätte aber an Volumen nachlegen dürfen; Bass René Pape vollführte seine Soli exakt und mit stoischer Ruhe. In der A-Cappella-Passage hielt das Solistenquartett präzise die Intonation - was Yutaka Sado, Chefdirigent des Tonkünstler-Orchesters, mit einem Lächeln quittierte.

Er präsentierte das Orchester von Anfang an selbstbewusst, mit einem homogenen Streicherklang, präzisen Bläsereinsätzen (inklusive der Ferntrompeten auf dem grünen Hügel) und rhythmischer Exaktheit. Wundervolle Flötenstimmen verzauberten zudem bei einem kurzfristig hinzugefügten Programmpunkt, der Ouvertüre zur Oper "La forza del destino". Die eigentliche Uraufführung, das Auftragswerk "Fanfare for Grafenegg" für Blechbläser und Schlagwerk, komponiert von Toshio Hosokawa, klang hingegen wenig majestätisch und eher blechern. Für das reduzierte Verdi-Requiem freilich gerührter Beifall.