Der Dirigent, der auch Klavier spielt - ein verbreiteter Typ. Der Maestro, der es als Pianist so weit gebracht hat wie als Taktgeber, hat dagegen Seltenheitswert. Daniel Barenboim besitzt dieses Doppeltalent, Leonard Bernstein und der (am Jazzpiano grandiose) André Previn hatten es ebenso.

Yannick Nézet-Séguin, Inhaber einer imposanten Ämterfülle in Übersee, zählt eher zur erstgenannten Kategorie. Dennoch hat der Musikdirektor der New Yorker Met, Chefdirigent des Philadelphia Orchestra und des Orchestre Métropolitain in Montréal nun für ein Album auf dem Klavierhocker Platz genommen. Warum? In erster Linie natürlich wegen des C-Worts. Als Corona das Kulturleben im Vorjahr lähmte und Orchesterkonzerte in den Tabubereich verbannte, schwang sich der Kanadier an den Flügel. Dabei scheint ihm der Tapetenwechsel auch einiges Wohlgefühl beschert zu haben, wie das Cover nahelegt. Von einem grünen Kapuzenpulli umflossen, posiert er am Klavier und lächelt dabei so relaxed, dass man gewisse Gedanken förmlich zu spüren meint: Endlich keine Überzeugungsarbeit bei einer Hundertschaft von Musikern leisten müssen, sondern bloß die eigenen Finger über 88 Tasten gleiten lassen. Nicht auszuschließen natürlich, dass die PR-Strategen bei diesem Foto ihre Hand im Spiel hatten. Ganz ohne Zustimmung des Maestros wird dieses Kuschel-Cover aber auch nicht entstanden sein.

Yannick Nézet- Séguin Introspection: Solo PianoSessions (DG)

Yannick Nézet- Séguin Introspection: Solo PianoSessions (DG)

Aber wenden wir uns den inneren Werten dieses Albums zu, um die es auf "Introspection - Solo Piano Sessions" ja auch ganz dezidiert geht: Nézet-Séguin brennt kein Feuerwerk der Brillanz ab, sondern gönnt sich Stücke aus dem eher langsamen Bereich, spielt manches auch einen Tick gemächlicher als aus Konzerthäusern gewöhnt. Den Beginn von Haydns c-Moll-Sonate (Nr. 33) etwa: hier ein fragiles Klanggefäß der Melancholie. Überhaupt bildet hier ein zartbitterer Tonfall den roten Faden, um durch Musik aus 300 Jahren zu führen, von Scarlattis h-Moll-Sonate (K. 87) über ein dünnhäutiges Brahms-Intermezzo (op. 119/1) bis hin zu Luciano Berios tonalem "Wasserklavier". Apropos Wasser: Den mythischen Glanzpunkt setzt Debussys "Versunkene Kathedrale" ("La cathédrale engloutie") - ein monumentales Musikgemälde, mit nahezu orchestraler Farbenpracht ausstaffiert. Eine lohnende Playlist für versonnene Stunden.

Trio Wanderer Schumann:Complete Piano Trios, Piano Quartet & Quintet (harmonia mundi)
Trio Wanderer Schumann:Complete Piano Trios, Piano Quartet & Quintet (harmonia mundi)

Exzellent das neue Album des Trio Wanderer. Auch hier gibt es einen Star in ungewohnter Rolle zu entdecken, nämlich Robert Schumann im Genre des Klaviertrios. Seine drei Stücke dürfen zum Goldstandard des Fachs zählen, lassen sie Klavier, Geige und Cello doch auf Augenhöhe als "Sänger" von Schumanns geschmeidigen Melodien auftreten. Verblüffend aber auch, wie diffizil die beiden späteren Trios des Deutschen bisweilen tönen, wie sich Gemengelagen aus Tanzlust und Trauer, Melodiesinnigkeit und Mysterium bilden: Kammermusik für Fortgeschrittene. Das Trio Wanderer realisiert sie mit höchster Akkuratesse, strömendem Klangfluss und katzenpfötiger Elastizität für die Clous der Partituren. Erfreulich, dass die drei CDs zudem das Klavierquartett beinhalten und auch Schumanns Reißer aus dem Tasten-Streicher-Fach, sein Klavierquintett: quasi eine Meistersymphonie für fünf Personen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.