Sprechen kann er nicht. Fliegen auch nicht. Und doch erinnert der schwarze Flügel der Marke Steinway ein wenig an K.I.T.T., das Wunderauto aus der TV-Serie "Knight Rider". Denn auch dieses Klavier steckt voller Hightech. Der "Spirio r", zu begutachten im frisch modernisierten Steinway-Store am Opernring, besitzt nicht nur den luxuriösen Sound der Marke, sondern kann seinen Wohlklang auch ohne Zutun menschlicher Fingerfertigkeit entfalten. Unsichtbare Elektronik sorgt dafür, dass sich die Tasten selbsttätig bewegen, die reichen Bassmassen wogen und den Diskant glitzern lassen. Der "Spirio r" ist ein sogenannter "Selbstspieler". Oder, ein unschöneres Wort: ein "Reproduktionsklavier".

Von Gustav Mahler geadelt

Was nach Innovation klingt, hat eine lange Vorgeschichte. Schon um 1900 versetzten die ersten Modelle die Welt in Staunen: Klaviere, wie von Geisterhand gespielt! Die Technik dahinter war freilich primitiv. Eine Art Lochstreifenrolle, ähnlich wie in einer Drehorgel, sorgte dafür, dass sich die richtigen Hämmer zur rechten Zeit bewegten. Wobei das Ergebnis recht mechanisch klang. 1905 machte ein verfeinertes Modell namens "Welte-Mignon" Furore. Das ließ mehr Nuancen hören, konnte Musik nicht nur abspielen, sondern auch "aufnehmen" und zog das Interesse der Kreativszene auf sich. Komponisten wie Gustav Mahler, Claude Debussy, Camille Saint-Saëns und George Gershwin hielten die Deutung ihrer eigenen Werke auf dem Instrument für die Nachwelt fest - wobei die "Aufnahmen" aus den gelochten Rollen bestanden.

Die Technik hatte aber nicht nur in der Klassik Konjunktur: Mit Schlagernoten gefüttert, sorgten die Apparate in Restaurants, Schenken und Bars für fröhliche Klangtapeten. Der Ruhm dieser Klimperkästen war allerdings flüchtig. Das Aufkommen des Radios und die Weiterentwicklung des Grammophons versetzten ihnen den Todesstoß. Warum noch ein so sperriges Trumm kaufen, wenn man Hintergrundmusik auch weitaus billiger haben konnte?

Und doch hatten die Selbstspieler noch nicht ausgespielt. Nach einer Pause von mehr als 50 Jahren kehrten sie in einem neuem Kleid auf die Bildfläche zurück - vorerst in einer Marktnische als Experiment. Yamaha, unter anderem Hersteller von Keyboards und Klavieren, begann über Mischformen zwischen den Instrumenten nachzudenken. Ein Ergebnis: das sogenannte Disklavier, ab Ende der 1980er Jahre auf dem Weltmarkt. Die Tasten ließen sich mechanisch bedienen, aber auch über einen Datenträger ansteuern. Anfangs waren das Disketten: Sie ließen das Klavier eine vorherige Einspielung präzise wiederholen.

Heutige Disklaviere von Yamaha übermitteln Daten drahtlos und nuanciert, das Klangbild ist fein aufgelöst: Zwischen absoluter Stille und ohrenbetäubendem Dröhnen unterscheidet der Sensor bei der Aufnahme mehr als 1000 Lautstärkenwerte. Dass Yamaha in diese Entwicklung Millionen gesteckt hat, lässt auf erkleckliche Verkaufszahlen schließen. Aktuelle Daten waren auf Anfrage der "Wiener Zeitung" leider nicht zu erfahren.

Bill Evans lebt wieder

Umso auskunftsfreudiger ist Clément Caseau, Geschäftsführer von Steinway Austria. Die legendäre Klaviermarke ist spät, aber ehrgeizig in den Sektor eingestiegen. 2017 erreichte der "Spirio" Marktreife, nun buhlt der "Spirio r" um Kundschaft. Stolze 177.450 Euro kostet das Instrument, ein iPad gibt’s (als Steuerungselement für die Elektronik) gratis dazu. Zugegeben: Die smarten Steinways sind im Schnitt teurer als die Fernost-Konkurrenz, laut Vergleichsportalen aber technisch mindestens ebenbürtig, sie trumpfen mit edlem Sound auf - und sind laut Caseau erfolgreich. "Der ‚Spirio‘-Anteil liegt mittlerweile bei 40 Prozent aller neuen Steinway-Flügel", die Käufer stammen vor allem aus dem privaten Bereich. So viel Zuspruch für ein - nun ja, Nischenprodukt? Genauer betrachtet, sind dies Instrumente wie der "Spirio" längst nicht mehr, sondern hippe Alleskönner: Klavier und Entertainment-Center in einem. Das nötige Kapital vorausgesetzt, kann der Besitzer nicht nur Hand an die Tasten legen (und sich aufnehmen und das Ergebnis editieren), sondern dank einer Datenbank auch auf der Couch einem Konzert lauschen, abgehalten von Yuja Wang oder toten Klaviergöttern wie Bill Evans und Vladimir Horowitz. Auch der räumlichen Distanz ist der Kampf angesagt: Nicht mehr lange, und ein Konzert lasse sich im Netz von einem Klavier aufs andere übertragen, schwärmt Caseau von der Zukunft.

Eine Zukunft, die nun also auch dem Klavier einen Digitalisierungsschub verpasst - und das mechanische Produkt in einen Hybrid verwandelt, wie am Automarkt längst geschehen. Apropos Technik: Was, wenn die beim "Spirio" einmal versagt? Er müsste jedenfalls nicht in die Werkstatt. Im unwahrscheinlichen Fall des Falles käme ein Techniker vorbei.