Der Komponist Siegfried Matthus ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 27. August in Stolzenhagen gestorben. Er war 87 Jahre alt. Matthus galt als der führende Opernkomponist der DDR.

Matthus wurde am 13. April 1934 als Sohn eines Bauern-Ehepaars geboren. Vom Vater, der in seiner Freizeit in Wirtshäusern zum Tanz aufspielte, lernte er Violine und Trompete.

Bereits in der Schule übernahm Siegfried Matthus die Leitung des Schulchors und begann zu komponieren. In den Jahren 1952 bis 1958 studierte er an der Deutschen Hochschule für Musik in Ost-Berlin Chor- und Ensembleleitung, seit 1956 auch Komposition bei Rudolf Wagner-Régeny. Von 1958 bis 1960 war er Meisterschüler von Hanns Eisler und danach bis 1964 freischaffender Komponist.

Opernarbeit in der Praxis

1964 holte ihn Walter Felsenstein als Berater für zeitgenössische Musik an die Berliner Komische Oper. Dort arbeitete er mit den Regisseuren Götz Friedrich und Harry Kupfer zusammen. 1969 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin (Ost), wo er ab 1972 eine Meisterklasse dieser Akademie leitete und Sekretär der Sektion Musik war. 1972 übernahm Matthus eine Meisterklasse an der Akademie der Künste der DDR. 1976 wurde er Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West) sowie 1978 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München.

1990 initiierte Matthus die Gründung der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Bis 2014 war er ihr künstlerischer Leiter. Seit 1957 war er mit der Sängerin Helga Matthus verheiratet, sein 1964 geborener Sohn Frank ist Schauspieler und Regisseur.

Zwischen den Stühlen

Siegfried Matthus war ein Exponent einer seltsamen, nahezu schizophrenen Ästhetik der DDR-Musik: Einerseits waren seine Opern, solange die DDR existierte, politische Lehrstücke, wenngleich verpackt in bizarre Krimihandlungen ("Noch einen Löffel Gift, Liebling?", 1971) oder in historische Vorgänge ("Graf Mirabeau", 1988), oder sie waren der Klassiker-Pflege aus dem DDR-Blickwinkel geschuldet ("Judith" nach Friedrich Hebbel, 1984). Musikalisch aber war Matthus von der Simplizität des Sozialistischen Realismus weit entfernt.

Den Durchbruch hatte Matthus 1967 mit der Oper "Der letzte Schuss" nach der Novelle "Der Einundvierzigste" von Boris Lawrenjow gehabt, in der es um die unmögliche Liebe eines Offiziers der Weißen Garde zu einer Rotarmistin geht. Diese Oper kann als Modell für Matthus' gesamtes Schaffen gelten: Die Musik ist auf dem Stand der zeitgenössischen Moderne. Matthus arbeitet ohne Tonartenbindungen und splittert sein Orchester räumlich auf. Allerdings sind die Chorszenen von einer Wucht, die an die Tradition anschließt, und es gibt immer wieder in den Singstimmen einfache Wendungen, die ins Ohr gehen, ohne in Klischees zu verfallen.

Auch in späteren Opern liebte Matthus das Klangexperiment. So instrumentierte er die Originalfassung von "Kronprinz Friedrich" (1999) für ein Orchester bestehend aus 14 Flöten, 3 Posaunen, Kontrabass, Schlagzeug und Cembalo, während "Farinelli oder die Macht des Gesangs" (1998) mit einem vergleichsweise herkömmlichen Kammerorchester besetzt war, dem Matthus allerdings mit Cembalo, E-Bass und Synthesizer eigene Farbtupfer aufsetzte.

Musik im Dienst der Szene

Charakteristisch für Matthus sind expressiv kantable Linien über dichten, oft scharf dissonierenden Akkorden, die den Zuhörer aber nicht als Selbstzweck vor den Kopf stoßen, sondern ihm als Element des Ausdruckswillens erscheinen. Basis dafür war eine freie Atonalität, die Matthus durch die Verwendung von sieben- bis elftönigen Reihen spezifischer Klangcharakteristik bändigte.

Matthus war ein extrem produktiver Komponist. Er schrieb an die 600 Werke. Zu den wichtigsten nicht bühnengebundenen zählen sein Paukenkonzert "Der Wald" (1984), seine "Gewandhaussinfonie" (1993), sein "Te Deum" zur Weihe der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche (2005).

Matthus' Ruf litt kurzzeitig, als herauskam, dass er den Bau der Berliner Mauer mit propagandistischen Beiträgen im Rundfunk unterstützt hatte. Doch wieder einmal erwies sich, dass schöpferische Potenz und politische Intelligenz nicht immer kongruent sind.

Eine letzte Oper

Im Alter von 85 Jahren komponierte Matthus seine letzte Oper, "Effi Briest" nach Fontane. Die Uraufführung erfolgte 2019 in Cottbus. Und während die Kritik, trotz aller Dissonanzenballungen und Schlagzeug-Entladungen im Orchester, ob der süffigen  Kantilenen und Frauenstimmen-Ensembles naserümpfend "Rosenkavalier"-Anklänge diagnostizierte, erwies sich auch in diesem Fall, dass Matthus das Geheimnis gefunden hatte, das Publikum mit den sonst ungeliebten Klängen der Neuen Musik zu versöhnen: Matthus besaß das Gespür dafür, welche Musik die Bühne braucht. Das allein ist es letzten Endes, was einen Opernkomponisten ausmacht.