Mag sein, dass die "Ouverture spirituelle" der Salzburger Festspiele nicht vor vier Wochen zu Ende gegangen ist, sondern in Wirklichkeit erst an diesem letzten Festival-Wochenende. Da spielten nämlich die Wiener Philharmoniker unter Herbert Blomstedt Arthur Honeggers Dritte Symphonie, die den Beinamen "Liturgique" trägt.

In der Ouverture spirituelle hörten wir ja eine ganze Reihe von Werken der klassischen Moderne, die während des Weltkriegs oder danach entstanden sind und auf die Gräuel Bezug nehmen. Da reiht sich Honeggers 1946 in Zürich uraufgeführte "Liturgique"-Symphonie gut ein. Mit einem geradezu niederschmetternd motorischen Satz, "Dies irae" überschrieben, hebt sie an: Grelle Flöten und Trompetenklänge und wuchtiges, schweres Blech prallen aufeinander, nicht weniger aggressiv wirken die fast durchwegs rhythmisch-markant stechenden Streicher. Schrecken und Verzweiflung sind anschaulich in Klang gefasst, in einem ausgereizten Neoklassizismus, der in seiner krassen Schärfe an symphonische Bekenntnismusik von Schostakowitsch denken lässt. Das wird im Lauf von knapp fünfzehn Minuten mächtig gesteigert, bis sich der Tumult wie von Geisterhand entfernt. Richtung Himmel oder Richtung Hölle?

Herbert Blomstedt stand am Pult des letzten Wiener Philharmoniker-Doppels dieses Festspielsommers. Die späte Liebe der Wiener Philharmoniker zum unterdessen 94-jährigen Altmeister trug auch für Brahms’ Vierte Symphonie schönste Früchte.

Eine "idiotische" Sache

Den Orchester-Kehraus in Salzburg bescherten wie üblich die Berliner Philharmoniker. Das bemerkenswerteste Stück auf deren Pulten war Paul Hindemiths 1944 in New York uraufgeführte "Symphonic Metamorphosis of Themes by Carl Maria von Weber". Hindemith war im Exil, er unterrichtete an der Yale University. Léonide Massine bat ihn, für ein Ballett-Projekt Klavierstücke von Weber zu instrumentieren. Salvador Dalí, der sich als Ausstatter und Librettist eingebracht hätte, schwebte eine Handlung mit Bestandteilen aus "Tannhäuser" und "Tristan" vor. Hindemith war entrüstet, nannte die Sache schlicht "idiotisch". Das Projekt platzte. Aber die Arbeit war so weit gediehen, dass aus den Weber-Paraphrasen ein eigenständiges Werk wurde. Und was für eines!

Carl Maria von Weber fiele einem heutigen Hörer überhaupt nicht mehr dazu ein. Schon deshalb nicht, weil kein Mensch die acht vierhändigen Stücke für Klavier kennt, auf denen die "Symphonic Metamorphosis" beruht. Den Ursprung als Ballettmusik kann der knapp halbstündige Viersätzer nicht verleugnen. Tatsächlich hat George Balanchine das Stück in den 1950er Jahren in New York choreografiert.

Eine vielleicht etwas rattenfängerische, aber jedenfalls packende Musik: Hurtig schwatzend, aufgedreht kommt das neoklassizistisch anmutende, eröffnende Allegro daher. Der Clou ist aber das mit "Turandot" programmatisch überschriebene Scherzo. Ein Ton der Röhrenglocke, ein Halteton der Geigen, Pentatonik der Soloflöte: Die ironische Chinoiserie nimmt allmählich Fahrt auf, bis sich die Posaunen, Trompeten und Hörner einmengen und dem fernöstlichen Spuk ein Ende machen: Turandot goes Jazz! Aber dann kehrt die Musik doch wieder über den Pazifik nach China zurück. Es folgt ein Andantino, in dem die Soloflöte eine rechte Charme-Offensive reitet, und zuletzt wird ein deftiger Kehraus im Marschrhythmus geblasen. Dafür ist Kirill Petrenko der rechte Mann am Pult.