Irgendwann einmal, so in den 1960er Jahren, war György Ligeti, gebürtiger Ungar und nach seiner Emigration österreichischer Staatsbürger, ein Vertreter der musikalischen Avantgarde. Zehn Jahre später war alles ganz anders.

Nun gut, weder "alles" noch "ganz" - aber doch in dieser Richtung. In dieser Zeit, in der Ligeti nur noch von den publizistischen Parteigängern der Neuen Musik für diese reklamiert wurde, im Prinzip aber eine mit glitzernder Virtuosität gespickte, für den Zuhörer höchst vergnügliche Musik schrieb, komponierte er die drei Bücher der "Etudes pour Piano". Sie liegen nun in einer Einspielung der Luxemburgerin Cathy Krier vor: Es ist die mit Abstand beste Aufnahme dieses epochalen Werks.

György Ligeti Etudes pour
György Ligeti Etudes pour

Als Ligeti noch Avantgardist war, befasste er sich mit Klangflächen. Doch selbst in "Atmosphères" und "Lontano" arbeitet er mit melodischen Linien, die er so eng miteinander verwebt, dass sie nur mit dem Auge in der Partitur nachvollziehbar sind. Diese Webmuster bilden den Ausgangspunkt für Ligetis spätere Werke: Er denkt die Inherent Patterns der afrikanischen Musik weiter, findet Äquivalente in den Bildern M. C. Eschers - und Ligeti weist dem Rhythmus wieder eine zentrale Funktion zu.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Die "Etudes" sind Höhepunkte dieser Entwicklung - und weniger Etüden für den Pianisten als Etüden des Komponisten, der sich bestimmte Aufgaben stellt, etwa polyrhythmische und polymodale Vorgänge zwischen den beiden Händen aufzuteilen, Quinten rhythmisch und akkordisch einzufärben, Perpetuum-mobile-Linien stolpern zu lassen, Rhythmen zu dehnen und zu stauchen und dergleichen mehr. Selbst einem scheinbar rein poetischen Stück wie "Arc-en-ciel" liegt ein minutiöser Bauplan zugrunde.

Diese konstruktive Basis stellt den Interpreten vor eine grundlegende Entscheidung in der Herangehensweise: Danny Driver, Thomas Hell, Michaël Levinas und Frederik Ullén scheinen, auf höchstem pianistischen Niveau, Ligetis Baupläne möglichst deutlich zeigen zu wollen. So glänzend gespielt das ist: Es lässt den Wunsch offen, die konstruktiven Ideen als sinnliche musikalische Erfahrung erleben zu können.

Diesen anderen Weg beschreitet nun Cathy Krier: Sie begreift diese Werke vor allem als bunte und vitale Musik, bei der die Baupläne des Komponisten vor allem Mittel zum Zweck sind. Cathy Krier hat einerseits ein Faible für die französische Klanglichkeit eines Debussy und eines Dutilleux, andererseits auch eines für die pianistischen Verspieltheiten eines Rameau und eines Scarlatti. Beides kommt ihr und dem Zuhörer bei ihren Ligeti-Interpretationen zugute: Sie hält die Musik in Bewegung, differenziert den Anschlag nicht, um Baupläne hörbar, sondern um den Klang sinnlich erfahrbar zu machen. Sie spürt weniger dem Wie nach als dem Was, also den Inspirationsquellen Ligetis: den ungarischen Rhythmen und Melodien, dem javanischen Gamelan, den Farben des Regenbogens.

Dass die Basis dieser bunten Vielfalt aus detailfreudigen Konstruktionen besteht, nützt Cathy Krier für ihr eigenes Herangehen, wie alle großen Musikerinnen und Musiker hat sie aber kein Interesse daran, den Zuhörer mit der Offenlegung solcher Bauplänen zu behelligen. Ihre Interpretationen sind sinnlich, vital, bunt und aufregend. Sie stellen Ligetis Etüdenwerk im Sinn von Essays über kompositionstechnische Themen in die große Tradition eines Alkan und eines Debussy. Die künstlerische Bedeutung dieses Meisterwerks von György Ligeti ist nie deutlicher geworden.