Wer nicht nur ein Baby hat, sondern auch Musikgeschmack, steht womöglich vor einem Problem: Es ist eine Crux mit der stilvollen Beschallung des jungen Erdenbürgers. Stimmt zwar: Playlists für den guten Säuglingsschlaf (und jenen der Eltern!) gibt’s im Internet zuhauf. Doch wer dort nach Qualitätsprodukten schürft, kann zwischen Klingelglöckchen und Auszählreimen alt werden.

Olga Peretyatko will das ändern: Die russische Sopranistin hat heuer eine Tochter geboren und begrüßt sie mit einer CD-Veröffentlichung, die beim russischen Traditionslabel Melodija erschienen ist. "Songs for Maya", im Duett mit dem Pianisten Semjon Skigin entstanden, will nicht nur kleinen Krippenschläfern Entspannung bescheren, sondern die Wächter am Kindesbett zugleich vor banalem Schrott bewahren. Aus Erwachsenensicht gelingt dies mustergültig: Die stolze Mama auf dem Cover arbeitet sich durch mehr als 20 Lieder klassischer Provenienz. Der Brahms-Ohrwurm "Guten Abend, gut’ Nacht" kommt dabei ebenso zum Einsatz wie die berühmte Schlummernummer "Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein" (berühmt, weil sie wohl fälschlicherweise Mozart zugeschrieben worden ist). Auch Schumanns "Sandmann" und die possierliche Mendelssohn-Melodie "Bei der Wiege" werden von der betörenden Silberstimme veredelt.

Olga Peretyatko,
Olga Peretyatko,

Dass man bei diesem tönenden Schlaftrunk nicht aus Langeweile eindöst, verdankt sich dem hohen Grad an Abwechslung. Peretyatko widmet sich auch Raritäten wie Hugo Wolfs "Wiegenlied im Sommer" (und singt es traumhaft graziös), sie versucht sich am Gershwin-Klassiker "Summertime" (dessen Spitzentöne jedoch eher eine dramatische als sedierende Wirkung besitzen), und sie beruhigt das Ohr mit einer Auswahl folkloristischer Melodien aus Brasilien, China, Japan und Russland: Schläfer dieser Welt, aalt euch in den Laken.

Seong-Jin Cho The Wanderer
Seong-Jin Cho The Wanderer

Als Muntermacher eignet sich dafür Seong-Jin Cho. Im Laufe von 27 Lebensjahren hat sich der Südkoreaner in erstaunliche Karriere-Höhen gehangelt. Mit 14 bekam er die Siegertrophäe beim Chopin-Bewerb für Jungpianisten ausgehändigt, mit 21 triumphierte er beim gleichnamigen Erwachsenen-Wettspielen in Warschau. Die Deutsche Grammophon belohnte den Jungspund dafür mit enormem Vertrauen: Nicht weniger als sieben CDs des Südkoreaners sind seit 2015 auf dem gelben Prestige-Label erschienen. Das jüngste Solo-Album des Wahl-Berliners bringt seine Vorzüge zur Geltung: Weder Exzentriker noch Tastendämon, imponiert Seong-Jin Cho durch eine unaufgeregte Meisterschaft. Der Mann weiß einen Klangrausch zu entfachen, ohne sich darin zu verlieren. Das erweist sich vor allem in Liszts h-Moll-Sonate: Wuchtige Akkord-Kaskaden weichen immer wieder einem kristallklaren Spiel, das kontrapunktische Feinheiten und ein delikates Farbenspiel zu Tage fördert. Die geringe Wien-Prominenz des Pianisten, der auf diesem Album auch bei Schuberts "Wanderer-Fantasie" und Bergs freitönender Sonate op. 1 gute Figur macht, könnte sich demnächst auch verbessern: In der aktuellen Saison beehrt er sowohl das Konzerthaus wie den Musikverein.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.