Juan Diego Flórez, gern gesehener Star-Tenor in Gala-Arienabenden, eröffnete mit einem Liederabend das reguläre Programm der 109. Saison des Wiener Konzerthauses. Eine riskante Wahl, mit einem so dezidierten Opernsänger einen Liederabend zu veranstalten, liegen die beiden Fächer nicht so weit auseinander wie Trompete und Harfe? Das Risiko hielt sich in Grenzen: Flórez-Liebhaber, vollzählig erschienen, bekommen Flórez, wie man ihn kennt: mit Passion, Schmelz, Vibrato, Charme. Liedliebhaber, im Konzerthaus ja sehr verwöhnt, wissen derweil, auf was sie sich einlassen.

Die drei Schubert-Lieder gingen liederlich vorüber. Da waren zwei Bellini-Kammerarien schon geeigneter, den kraftvollen, dramatischen Vortrag zu absorbieren. Begleiter Vincenzo Scalera erspielte mit kurzen Soloeinlagen seinem Sänger verdiente Verschnaufpausen. Aber auch in den Rossini-Arien ging die perlende Leichtigkeit ab, die Flórez so berühmt gemacht hat. Zunehmend gedrückt und mit großem Ernst wurde agiert. "Ah! Un rio destin prevedo!" (Ah, ein trauriges Schicksal, das ich voraussehe!) schmetterte Flórez, drohend prophetisch für die zweite Hälfte.

Aber nein: Die war wunderbar. Die Francesco-Tosti-Lieder lockerer und leichter, in zarten Tönen ausgemalt. Die Donizetti-, Verdi-, und Puccini-Arien stimmiger, runder. Und dann die Zugaben an der Gitarre: Flórez entspannt in seinem Element, halb improvisierend. Das endgültig verzauberte Publikum fraß ihm aus der Hand. Das muss selbst die Liedfraktion mit leichtem Schritt in die Nacht geschickt haben.