Er ist am Pult weniger der strenge Kontrolleur des musikalischen Geschehens oder dessen bloßer Koordinator. Teodor Currentzis versteht seine Rolle als Dirigent eher als die des leidenschaftlichen Kommentators, des impulsiven Initiators oder vielleicht noch treffender des Katalysators. Wie bei einer chemischen Reaktion geht es ihm darum, den alchemistischen Entstehungsprozess von Musik zu beeinflussen, ohne dabei selbst verbraucht zu werden - durch das Steuern der Aktivierungsenergie. Er ist der zündende Funke, der zügelnde Dämpfer der musikalischen Reaktionen zwischen den Musikerinnen und Musikern entlang der Partitur.

Den griechisch-russischen Dirigenten reizt dabei das Ausloten von Extremen, er scheut den Effekt nicht und ist dabei radikaler Entschleunigung gegenüber ebenso wenig abgeneigt wie rasanter Dynamisierung. Das Programm bei der Eröffnung des Currentzis gewidmeten Zyklus im Wiener Konzerthaus am Sonntag kam all diesen Dirigier-Eigenschaften entgegen - es war dem Komponisten Sergej Prokofjew gewidmet.

Bei dessen Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 sorgte die junge russische Pianistin Yulianna Avdeeva für ein erstaunliches Konzerthaus-Debüt. Mühelos schaffte sie den nahtlosen Spagat von den beredten Salon-Vokalisen hin zur tosenden Klang-Implosion. Den Solopart entwickelte Avdeeva dabei stets präsent wie geschmeidig aus dem satten, jedoch nie überbordenden Orchesterklang. Für Letzteren sorgte das SWR Symphonieorchester, das Currentzis seit 2018 leitet.

Auch bei Prokofjews Symphonie Nummer 5 sparte Currentzis nicht an Klangfarben, konzentrierte sich in seinem tänzerisch geschmeidigen wie weltumfassenden Dirigat auf das Feilen an blumigen Details und drängenden Zuspitzungen. Ein intensiver wie bejubelter Saisonauftakt.