Wenn Igor Levit nicht gerade politisiert, gönnt er es seinen Zuhörern, einer der besten Pianisten der Gegenwart zu sein. Und wie kaum ein anderer, spult Levit nicht einfach die Klavierschlachtrösser ab, sondern sucht nach Nischen und Querbeziehungen. Oft denkt er weniger als Virtuose denn als Musikdramaturg. So auch bei seinem neuen Album, dem man freilich einiges vorwerfen kann - wenngleich nichts Musikalisches.

Es ist die Aufmachung. Sie ist grauenhaft. Mag ja sein, dass da ein Künstler am Werk war, mag ja sein, dass sie originell ist. Nur zweckmäßig ist sie nicht. Bei schief gehaltenem Umschlag, etwa, um den gedreht gedruckten Text auf der Rückseite zu lesen, fallen die CDs heraus. Auf der Vorderseite verschwimmt der Name des Pianisten im bunten Strichcode, Komponistennamen gibt’s überhaupt keine, lediglich die kaum leserliche Information "ON DSCH".

Und was soll "On Dsch" sein?

Nun gut, der besser informierte Klassikliebhaber weiß, dass DSCH das Namenskürzel war, das Dmitri Schostakowitsch quasi als thematisches Monogramm verwendete. Wiederholt umkreist er in seinen späten Werken die Tonfolge D-Es-C-H, ähnlich einem Autor, der Autobiografisches schreibt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Um Schostakowitsch geht es denn auch auf den drei CDs: Auf zweien befasst sich Levit mit dessen 24 Präludien und Fugen, auf der dritten mit der "Passacaglia on DSCH" von Ronald Stevenson.

Levits Interpretation des Schostakowitsch-Zyklus’ ist atemberaubend. Überhaupt hat Levit glückliche Finger für zyklische Werke wie Bachs Goldberg-Variationen, Beethovens Diabelli-Variationen oder Rzewskis "The People United will never be defeated". Bei Schostakowitsch gelingt es ihm, die gesamte Bandbreite vom kühlen Neobarock bis zum emotionsgeladenen Expressionismus darzustellen - mit aller Klarheit, aber auch mit einer Intensität, durch die etwa das 20. Präludium emotional kaum noch erträglich ist.

Diesem alle Lebensbereiche musikalisch umspannen wollenden Zyklus von Schostakowitsch stellt Levit ein weniger bekanntes, dennoch wichtiges Klavierwerk zur Seite. Der schottische Komponist Ronald Stevenson komponierte Werke in allen Genres außer dem der Oper, wurde aber, wenn überhaupt, bekannt für seine in der Tradition von Franz Liszt und Ferruccio Busoni geschriebenen, abartig schwierigen Transkriptionen und Fantasien für Soloklavier, etwa über Benjamin Brittens "Peter Grimes" oder Kurt Weills "Dreigroschenoper".

Stevensons Hauptwerk ist die "Passacaglia on DSCH", ein rund eineinviertelstündiger instrumentaler Monolog, der tonale Dreiklänge ebenso miteinbezieht wie übereinandergeschichtete Metren, atonale Akkordsäulen und Trommelrhythmen, die der Pianist mit der Hand auf die tiefen Saiten des Instruments schlägt. Stevenson bündelt unzählige Einflüsse aus der Musikgeschichte und holt fallweise Außermusikalisches herein: In die Noten schreibt er die Bedeutung: Ein Lamento für Kinder, Trauer um die sechs Millionen ermordete Juden, Afrika erhebt sich, der Pianist möge die G-Saite einer Geige imitieren, "barock" spielen und mit "Raumgefühl, quasi gagarinesk". Vielfach wird mehr gewollt - aber dass manches von den hochfliegenden Gedanken auch erreicht wird, ist immerhin bemerkenswert. Levits Interpretation verleiht dieser Musik in aller klanglichen Schönheit eine raue Größe, die den Zuhörer eine außergewöhnliche schöpferische Kraft spüren lässt. Unbedingt hörenswert - und zwar unbedingt in dieser Interpretation!