Die neue Saison könnte besser laufen für die Theater der Stadt: Trotz eines prallen Premierenaufgebots zum Start dümpelt das Publikumsinteresse nach der erzwungenen Häuslichkeit der Lockdowns vorerst auf niedrigem Niveau dahin. Das Burgtheater rangiert bei einer Auslastung von 65 Prozent, die Josefstadt noch ein wenig darunter.

Kämpfen die Konzertveranstalter mit demselben Problem? "Da muss man differenzieren", sagt Stephan Pauly. Seit Mitte 2020 ist der Mann aus Köln Intendant des Musikvereins und geht nun in seine zweite Spielzeit als Chef des Traditionshauses. "2020/21 hatten wir einen kleinen Rückgang bei den Abo-Verkäufen, in der jetzt beginnenden Saison haben wir aber wieder mehr Abonnements verkauft, das ist eine sehr gute Nachricht." Andererseits: "Beim Einzelkartenverkauf sind die Menschen noch etwas zurückhaltender. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Vielleicht muss man sich erst wieder daran gewöhnen, mit vielen Menschen zusammenzusitzen."

"Höchster Sicherheitsstandard"

Ängste seien dabei jedenfalls unbegründet, meint Pauly: Durch die Maskenpflicht im Haus und die 2G-Regel, die ab Oktober in Wien gilt und nur noch Geimpften und Genesenen Zulass gewährt, "kann man sich wirklich sicher fühlen. Das ist der höchste Sicherheitsstandard, den wir je hatten, und es ist auch absolut nicht mit dem Herbst des Vorjahres vergleichbar, als es noch keine Impfung gab." Darum ist Pauly auch zuversichtlich, dass den Kulturbetrieb so bald keine neuerliche Schließung ereilt. "Natürlich habe ich keine Glaskugel, aber mein Eindruck ist, die Politik will alles tun, um einen weiteren Lockdown zu verhindern. Ich denke, dass uns die 2G-Regel lange tragen wird, ich hoffe es jedenfalls."

Für den 49-Jährigen wäre es besonders bitter, würde das Kulturleben im Musikverein erneut auf Eis gelegt. Denn an diesem Wochenende beginnt die erste Spielzeit, die Pauly selbst programmiert hat und nicht von Vorgänger Thomas Angyan übernimmt.

Paulys Credo: Die traditionelle Fülle an hochkarätigen Konzerten beizubehalten, doch um neue Facetten anzureichern. Während Lokalmatadore wie die Philharmoniker, die Symphoniker und das RSO abermals Zyklen bestreiten, gastieren in dieser Saison unter anderem das Gewandhausorchester Leipzig, die Sächsische Staatskapelle, das Boston Symphony Orchestra, die Tschechischen und die Berliner Philharmoniker. "Da hat sich nichts geändert im Vergleich mit den Jahren vor mir", sagt Pauly. "Was mir aber auch wichtig ist, das sind innovative Akzente." Dazu zählt etwa die Reihe "Musikverein Perspektiven", die Schnittmengen zwischen den Kunstgattungen erkunden will. "Die Idee ist, einen Künstler einzuladen, der kein Musiker ist, aber eine große Leidenschaft für die Tonkunst hegt. Der Maler Georg Baselitz, ein leidenschaftlicher Hörer von zeitgenössischer Musik, wird im November unser erster Gast sein." Paulys Team hat gemeinsam mit dem Star-Künstler vier Programme erarbeitet, dabei gelangen in Kooperation mit Wien Modern zwei Auftragswerke mit Texten von Baselitz und Musik von Olga Neuwirth und Elisabeth Harnik zur Uraufführung. Der nächste Perspektiven-Gast soll im März 2022 der Filmemacher Michael Haneke sein.

Aus Ottakring in den Großen Saal

Doch auch die Erweiterung des Publikums ist Pauly ein Anliegen. "Wie jede Kulturinstitution, die in der Gegenwart lebt, fragen wir uns, wie wir uns gegenüber einer vielfältigen Gesellschaft noch offener zeigen und mit Menschen in Kontakt kommen können, die bisher wohl nie in den Musikverein gefunden hätten." Das Vorhaben, das Pauly "über die nächsten Jahre begleiten wird", findet seinen ersten Niederschlag in einer Kooperation mit der Brunnenpassage. Das Kulturzentrum in Wien-Ottakring hat "sechs Sängerinnen aus unterschiedlichen kulturellen Szenen der Stadt eingeladen; wir werden mit ihnen ein Konzert entwickeln, das im Juni 2022 im Goldenen Saal stattfindet. Die Songs der Künstlerinnen werden für das Tonkünstler-Orchester arrangiert, es wird ein Dialog auf Augenhöhe", freut sich Pauly auf das Experiment.

Und wie geht’s dem Haus finanziell? Genau vor einem Jahr, im September 2020, sprach Pauly im Interview von einem "massiven Schaden". Auch jetzt malt er kein rosiges Bild, will aber keine konkreten Angaben über Verluste oder noch vorhandene Rücklagen machen: "Wir haben alle staatlichen Hilfen in Anspruch genommen, die uns zustehen. Aber diese Gelder decken die Schäden nicht ab, darum ist die Situation nach wie vor offen." Zuversichtlicher Nachsatz: "Aber die Pandemie neigt sich jetzt hoffentlich dem Ende zu, wir wünschen es uns jedenfalls alle."