In einer Zeit, in der das Reisen wegen der Pandemie kaum möglich war, komponierte Steve Reich scheinbar schon für die Zeit danach. "Traveler's Prayer" ist angelehnt an die jüdischen Reisegebete und ist das neueste Werk des gemeinsam mit John Adams und Philip Glass größten zeitgenössischen US-Komponisten. Die Reise, von der die neueste Musik des genialen Minimalisten handelt, sei aber nicht jene zum Londoner Flughafen, erzählte Reich kürzlich der "London Times".

"Der Reisende, das sind wir alle; es ist die Reise von der Geburt bis zum Tod", erklärt er. "Ich habe es als 83-, 84-jähriger Mann geschrieben, der sich den Realitäten stellt, in seinen Achtzigern zu sein", sagte er weiter. Im Alter habe er neue Inspiration gefunden, "Neuland", wie der New Yorker es nennt. Aufs Zurückblicken hat Reich vor seinem 85. Geburtstag am 3. Oktober weder Zeit noch Lust.

Das gewöhnungsbedürftige Labyrinth

Gewöhnungsbedürftig war Reich für viele althergebrachte Klassikhörer schon immer: Unharmonische Tonschleifen, schräge Klangchöre, keine klare Hierarchie - die Musik des amerikanischen Komponisten gleicht beim ersten Zuhören eher einem Labyrinth als einem runden, abgeschlossenen Werk. Doch wer sich in den Bann seiner Minimal Music ziehen lässt, wird Zeuge fabelhafter, außergewöhnlicher Experimente wie bei einem seiner bekanntesten Werke: "Three Tales", in dem er gemeinsam mit seiner Frau, der Videokünstlerin Beryl Korot, den Absturz des Zeppelins "Hindenburg", die Atomversuche auf dem Bikini-Atoll und die Geschichte des Klon-Schafs Dolly als Videooper inszenierte.

Das junge Klassikgenre des Minimalismus prägte Reich mit seinen Avantgardekompositionen nachhaltig. Dafür erhielt er zwei Grammys (1988 für "Different Trains", 1998 für "Music for 18 Musicians"), einen Pulitzer-Preis für Musik (2009 für "Double Sextet") sowie Ehrendoktortitel mehrerer Musikschulen. In seinem Werk hat er oftmals jüdische Akzente gesetzt, nachdem er bereits in den 1970er Jahren in New York und Jerusalem Hebräisch lernte und die Thora studierte.

Dabei brachten Johann Sebastian Bach und Igor Strawinski den 14-jährigen Reich zur Klassik. Nach Jazzsessions als Schlagzeuger und einem Philosophieabschluss der Cornell-Universität widmete er sich schließlich an der Juilliard School sowie im Sommerstudium an der Universität von Ghana in Accra seiner eigenen Klangkunst. Nicht nur seine Stunden mit einem Meistertrommler des Ewe-Stammes in Ghana zeigen, wie offen er für neue, ganz andersartige Einflüsse abseits des in der westlichen Welt bekannten Klassikspektrums war.

Viele große Orchester der westlichen Welt haben sich das Werk des Minimalisten schon vorgenommen. In einer Welt nach Covid kann Reich sich nun auf die Aufführungen seiner neuesten Musik freuen. Denn obwohl der Arbeitsprozess in seinem Haus nördlich von New York sich trotz Corona nicht veränderte, fehlte ein entscheidender Teil: "Der Unterschied besteht darin, dass es nach dem Komponieren keine Vorstellung mehr gibt", meint Reich.(apa/dpa)