Ausgerechnet die zehnte Ausgabe des Musikfestivals InClassica konnte mit seinen insgesamt 50 Konzerten mit sieben Orchestern, elf Dirigenten und 37 Solisten, einem Klavierwettbewerb mit insgesamt 100 Auftritten und einer Akademie für junge Musiker pandemiebedingt nicht an seinem angestammten Ort, der idyllischen Mittelmeer-Insel Malta stattfinden. Zu rigide sind die dortigen Einreisebedingungen, um dieses vierwöchige Festival umzusetzen. Der bestens vernetzte Präsident der European Foundation for Support of Culture (ESFC), Konstantin Ishkanov, der neben dem Festival auch Wettbewerbe in vielen Ländern organisiert, hat sich daher auf die Suche gemacht, einen neuen Ort zu finden, damit die Arbeit der letzten Jahre nicht vergeblich war.

Die Wahl fiel auf Dubai, nicht nur wegen der viel unkomplizierteren Reisemodalitäten, sondern auch, weil Ishkanov in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Potenzial und ein Bestreben erkennen konnte, westlicher Kultur mehr Platz zu geben. Diese bisherige Leerstelle wurde in den letzten Jahren vor allem mit prominenten Kulturbauten gefüllt: Mit dem aufsehenerregenden Louvre von Jean Nouvel in Abu Dhabi und der schicken, austernförmigen Dubai Opera, die an einem Teich mit Promenade in der riesigen Dubai Shopping Mall nahe dem höchsten Turm der Welt, dem Burj Khalifa, liegt.

Legeres Publikum

Die ersten beiden Festivalwochen veranstaltete das InClassica-Festival seine prominent besetzten Konzerte in der technisch bestens ausgestatteten Oper, die bisher noch kein eigenes Orchester hat und daher auf Gastspiele angewiesen ist. Anfang September, also in der heißesten Zeit des Jahres mit Temperaturen an die 40 Grad, traten internationale Stars wie der Pianist Kit Armstrong, der Geiger Daniel Hope, das Trio Wanderer, die ägyptische Sopranistin Fatma Said, die 2019 bei der Salzburger Mozartwoche reüssierte, oder der Klarinettist Andreas Ottensamer und der Pianist Rudolf Buchbinder aus Österreich auf.

Um einiges weniger glamourös war das Ambiente der zweiten Spielstätte, das der Coca-Cola Arena: Konzipiert für große Sport- und Popveranstaltungen, musste der Raum für die Konzerte erst verkleinert und akustisch adaptiert werden. Der Stimmung im Saal tat das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: So divers und jung wie die Bevölkerung Dubais ist auch das Publikum, leger bis festlich gekleidet, oft in Communitys organisiert, entsprechend dem jeweiligen Herkunftsland des Solisten, wie etwa beim Pianisten Fazil Say aus der Türkei.

Die Menschen kamen zahlreich, manchmal in Begleitung von Kindern, mit Getränken und Popcorn, reagierten mit Fußgetrampel und begeistertem Applaus an allen Stellen, wo es möglich ist. Diesen enthusiastischen Zugang wünschte man sich manchmal auch im abgeklärten Wien.

Mit 18 seiner spätromantischen Kompositionen war der Zeitgenosse Alexey Shor vertreten, die von renommierten Musikern wie Maxim Vengerov oder Mikhail Pletnev gefühlsintensiv interpretiert wurden. Die meisten Auftritte in Dubai kann wohl der armenische Dirigent Sergey Smbatyan mit zehn Konzerten und dutzenden Runden mit den Wettbewerbsteilnehmern verzeichnen. Ihm ist das Verbindende in der Musik ein Anliegen, und dementsprechend dirigierte er unter anderen das Jerusalem Symphony Orchestra, das damit als erstes israelisches Orchester in den Arabischen Emiraten aufgetreten ist - terminlich passend zum ersten Jahrestag des Abraham-Friedensabkommens zwischen diesen beiden Staaten.

Der künstlerische Leiter Alan Chircop sieht das Festival, das am Sonntag zu Ende gegangen ist, als gelungen an und ist froh, dass er nicht auf die Stimmen gehört hat, die diese Initiative im Vorfeld als völlig verrückte Idee bezeichnet hatten. InClassica habe die kosmopolitische Stadt musikalisch belebt und für viele hier Lebende das Bedürfnis nach intensiven Live-Erlebnissen gestillt. Chircop sieht viel Potenzial in der laufend expandierenden Stadt. Deswegen wird die ESFC 2022 weitere Konzerte in Dubai veranstalten, und damit der im Oktober startenden, ersten EXPO im arabischen Raum zu den Themen Nachhaltigkeit und Zukunft eine weitere kulturelle Facette hinzufügen.