Langweilig ist Michael Schade im Lockdown heuer nicht geworden. "Ich hatte nie diesen Punkt, dass ich sagte, ich schau jetzt einfach fern. Ich bin an jedem Tag ins Büro gefahren und habe versucht, etwas zu organisieren." Die Betriebsamkeit des arrivierten Opernsängers und Intendanten der Barocktage Melk mischte sich allerdings mit Befürchtungen um die Kollegen: "Ich habe mich dauernd gefragt: Was kann ich tun, wie könnte ich den Leuten helfen? Ich habe wahnsinnig schlecht geschlafen", erzählt der 56-Jährige. Aber schließlich stellte sich doch eine Erleichterung ein: "Als es hieß, der Sommer werde gut, dachte ich, ich muss jetzt auch einmal auf mich schauen, und bin im Juli von diesem verrückten Rad abgesprungen. Das hat richtig gut getan."

"Der Wein schmeckt auch im Herbst gut"

Gedeihliche Aussichten gibt es nun auch für die Barocktage Melk. Das Festival konnte zwar nicht an seinem angestammten Termin zu Pfingsten stattfinden (abgesehen von einer Aufführung der "Marienvesper" von Monteverdi), wird aber jetzt ausnahmsweise im Herbst abgehalten. Schade begrüßt diese Verschiebung: Im Frühling "hätten wir alle Konzerte draußen machen müssen, und das Wetter war nicht fantastisch." Zudem wären im Mai die beliebten Agapen ins Wasser gefallen. Nun finden diese traditionellen Künstler-Begegnungen wieder statt, "und der Wein schmeckt auch im Herbst gut", schmunzelt Schade.

Ab morgen, Donnerstag, findet das Festival bis zum 4. Oktober in üblicher Form statt. Jedenfalls in weitgehend gewohnter Weise: Die 3G-Regeln sind einzuhalten, in Innenräumen muss eine FFP2-Maske getragen werden, heißt es auf der Homepage. "Die Leute sollen kommen und keine Angst haben", wirbt der Intendant um das Publikum, "Theater- und Konzertbesuche sind wahrscheinlich die sichersten Unternehmungen. Im Sommer hat es ja auch keinen Cluster bei den Salzburger Festspielen gegeben." Schade betont dies wohl auch, weil er unter den Kulturfreunden eine gewisse Zurückhaltung aufgrund der Corona-Statistiken spürt: "Die Menschen machen sich Sorgen wegen den Zahlen."

Das Programm in Melk besitzt jedenfalls eine gewisse Lockwirkung. Neun Barockkonzerte veranstaltet Schade, beginnend mit einem Auftritt der Originalklang-Legenden Il Giardino Armonico unter ihrem Leiter Giovanni Antonini, zum Abschluss wird der heimische Concentus Musicus mit Notengepäck von Henry Purcell eine "Fahrt ins Reich des Zauberhaften" unternehmen. Und dazwischen? Gastieren unter anderem die Darmstädter Barocksolisten. Die Stadt hat eine "tolle Barockgeschichte, weil sie Komponisten wie Graupner, Hesse und Vivaldi von Italien aus auf ihrer Route besucht haben", schwärmt Schade von einem Konzertprogramm mit den erwähnten Tonsetzern. Er selbst gönnt sich ein Liederprogramm und vertieft sich dabei in Mozarts weniger bekannte Zeitgenossen, darunter ein gewisser Jean-Paul-Égide Martini. Der hatte die Vorlage für den Hit einer schmalzlockigen Pop-Ikone verfasst: Elvis Presleys ‚Can’t Help Falling In Love" ist eine direkte Wiederverwertung von Martinis "Plaisir d’amour".

Die Zukunft betrachtet Schade vorsichtig zuversichtlich. Man sei zwar "noch nicht aus dem Schneider", meint er mit Blick auf die Corona-Zahlen. Dennoch sieht der Tenor einen "Goldtopf am Ende des Regenbogens der Hoffnung", wenn sich die Menschen impfen lassen. Dafür setzt er sich nachdrücklich ein: "Ich bin froh, dass ich geimpft bin, und werde mir auch die dritte Spritze verabreichen lassen." Und: "Ich kenne ungefähr acht Covid-Fälle, zwei davon sind wirklich schwer erkrankt. Keiner von denen hat gesagt: ‚Ich bin glücklich, dass ich nicht geimpft bin.‘"