Der Kosmos brodelt, die Energie vibriert: Mahlers Dritte Symphonie beginnt mit einer Schilderung der unfassbaren Weiten des Universums und bricht die gesamte Evolution dann auf knappe zwei Stunden hinunter. Die Schaffenskraft strömt dabei durch ein gewaltiges Orchester, ergänzt um eine Solo-Altistin, einen Knaben- und einen Damenchor.

Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada startet also denkbar kolossal in die neue Saison mit den Wiener Symphonikern. Jedoch: Am Donnerstagabend werden im Konzerthaus die Naturgewalten eher mathematisch ausgemessen als gestaltet. Orozco-Estrada taktet mit dem Stock, hüpft wie ein Rockmusiker und strahlt wie ein freudiges Kind. Er will Mahlers Welt bezwingen, doch eine metaphysische Ebene erschließt sich in seiner Interpretation eher nicht - auch wenn Sarah Connolly im vierten Satz, sauber und mit bester Aussprache, die Tiefe der Welt besingt und sich die engelsgleichen Stimmen der Wiener Sängerknaben danach mit Glockengeläut verbinden, während die Damen der Wiener Singakademie mitunter etwas unverständlich klingen. Mahlers Dritte Symphonie, das wird einem im Schlusssatz noch einmal bewusst, könnte um vieles mehr vom Dasein schwärmen.

Zwei Stunden lang dafür aber kein Patzer, phänomenale Übergänge und astreine Einstiege der einzelnen Stimmgruppen, dazu bezaubernde Solisten wie Konzertmeister Dalibor Karvay und der Interpret der träumerischen Ferntrompete. Dem Publikum platzt noch im letzten Ton das Bravo heraus, der Saal jubelt.