Ein schneller Blick aufs Programm von Christian Gerhahers erstem Abend im Goldenen Saal im Rahmen seiner Porträt-Reihe im Wiener Musikverein weckt großes Interesse und zugleich zarten Zweifel: Werke von Schönberg, Schoeck und Berlioz, die allesamt von Nacht, teils unglücklicher Liebe und Verlust handeln zum Wochenendausklang? Vielleicht gar etwas schwer fürs Gemüt?

Von wegen. Das Gemüt ist dankbar für ein derart packendes und intensives Konzerterlebnis, dem ein intimerer Raum noch besser stünde.

Fast wie aus der Zeit gefallen: sich Zeit lassen und nehmen für Kammermusik und Gedichte, zuhören, mitfühlen. Lyrik von Nikolaus Lenau und Gottfried Keller in elektrisierend sinnliches Gewand gepackt vom Schweizer Othmar Schoeck zum "Notturno" op.47 zusammengestellt: Fünf Sätze für Stimme und Streichquartett, die der deutsche Bariton und seine Mitmusizierenden mit größter Hingabe und Bedingungslosigkeit ausführten. Die Streicher rund um die famose Geigerin Isabelle Faust und den herrlichen Cellisten Jean-Guihen Queyras bleiben im Gedächtnis als leuchtendes Beispiel für Zusammenspiel und Gestaltungsfreude.

In der zweiten Hälfte als Streichsextett auftretend mit Schönbergs "Verklärter Nacht" (als Inspiration diente das gleichnamige Gedicht von Richard Dehmel) und einer eigenen Version von Hector Berlioz‘ "Les nuits d’été" erstellt von David Matthews. Gerhaher agierte stimmlich und deklamatorisch gewohnt souverän und mit dem richtigen Maß an Empathie für das zu Erzählende.