Kann man einen Ort beschreiben, ohne ihn besucht zu haben? Karl May hat sich davon in seinen "Reiseerzählungen" nicht abhalten lassen - Claude Debussy ebenfalls nicht. Wobei: Der Franzose hat es immerhin zugegeben. Wenn man die Mittel für eine Reise nicht hat, muss man dies eben mit Fantasie wettmachen, schrieb er in einem Brief. Und so setzte er der mächtigen Alhambra in einem Klavierstück ein Denkmal, obwohl er nur Fotomaterial von Granadas Stadtburg gesehen hatte.

Der Zeitgenosse hat es da natürlich einfacher. Schnell in den Flieger gestiegen, schon lassen sich die Schauwerte dieses Weltkulturerbes in der Künstlerseele aufsaugen. Um diese Erfahrung bereichert, hat Peter Eötvös ein Violinkonzert für das Festival de Granada verfasst, das die Schönheiten der Alhambra, dieses Hybrids aus islamischer und spanischer Architekturpracht, in Klängen zu fassen sucht.

Strawinski, Eötvös Le sacre du printemps, Alhambra Concerto (harmonia mundi)
Strawinski, Eötvös Le sacre du printemps, Alhambra Concerto (harmonia mundi)

Nun liegt das Stück in einer Ersteinspielung durch das Orchestre de Paris vor und beweist ein weiteres Mal, warum Eötvös zu den populärsten Tonsetzern der Gegenwart zählt. Der Ungar meidet ein Denken in Dur und Moll, streift hier und da aber zart an die Tonalität und kokettiert bisweilen mit einer Art Grundtonbezug, ohne dabei ins Kitschfach abzugleiten. Vor allem ist er ein Klangmaler von hohen, sinnlichen Gnaden: "Alhambra" erweist sich als Ohrenkino von berückendem Zauber und bringt ein zartes, schillerndes Rankwerk zum Klingen, das eher an die orientalischen Ornamente des Bauwerks erinnert als an seine wuchtigen Gesamtmaße. Dabei malt die Solo-Geige von Isabelle Faust ziselierte Arabesken in den Klangraum und wird sanft von einer Mandoline umspielt.

Klingzeug memento mori - Remember You Must Die (BIS)
Klingzeug memento mori - Remember You Must Die (BIS)

Ergänzt wird die Ersteinspielung durch einen Platzhirschen im Konzertrepertoire, Strawinskis "Sacre du printemps". Nicht schon wieder? Diese Einspielung ist es wert, Gehör zu finden: Dirigent Pablo Heras-Casado bleibt der archaischen Kraft des Stücks nichts schuldig, bringt aber auch die Raffinesse des Orchestersatzes bis ins letzte Detail zur Geltung und ermöglicht damit verblüffende Aha-Erlebnisse. Der hochauflösende Sound fördert Bläserfiguren zu Tage, die Strawinskis aberwitzige Harmonik weiter anreichern, im Getöse einer Konzertaufführung aber meist zur Unhörbarkeit verdammt sind. Eine Einspielung, so penibel wie packend.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Deutlich intimer ist das Ensemble Klingzeug anzuhören: Vor zehn Jahren in Innsbruck gegründet, erkunden die sechs Musiker an Streich- und Tasteninstrumenten, Theorbe und Flöte die Weiten der Alten Musik. Ihr Debütalbum steht nun unter einem unangenehmen, aber denkbar unanfechtbaren Titel: "memento mori - Remember You Must Die". Die Klangbeispiele, aus der Troubadour-Zeit bis zum Spätbarock gewählt, bringen Trauermelodien elegant zum Schweben, präsentieren den Tod aber auch als Geburtshelfer für eine erstaunliche Bandbreite an Stücken: Wo gestorben wird, da tut auch ein süßer Seelenbalsam not und ein Quäntchen Sonnenschein - wie durch jene Tanzrhythmen, die der Salzburger Kapellmeister Heinrich Biber überraschend fidel in seine "Baletti Lamentabili" eingestreut hat.