Das unerbittliche Erforschen der Tiefenschichten, das Ausreizen von Extremen sowie die zusätzliche Dynamisierung des musikalischen Geschehens sind zu Markenzeichen von Teodor Currentzis geworden. Besonders ausgeprägt kommen sie zur Geltung, wenn Currentzis mit der auf ihn eingeschworenen Music Aeterna arbeitet, dem von ihm gegründeten Orchester, das mittlerweile in St. Petersburg zuhause ist.

Was seine Herangehensweise auf die 5. Symphonie von Gustav Mahler angewandt bedeutet, zeigte Currentzis am Sonntag im Rahmen seines Zyklus im Konzerthaus. Da offenbarten sich nämlich - bei aller Eindringlichkeit und Intensität - auch die Schattenseiten von Teodor Currentzis’ Methode. Im ersten Satz etwa drohte die expressive Gestaltungsarbeit, im Korsett des Effekts stecken zu bleiben - mit intensiven Klanginseln, die jedoch nicht einem größeren Ganzen dienten und daher versatzstückhaft blieben. Erst im Furor des zweiten Satzes gelang Mahler der Befreiungsschlag aus dieser verglühenden Intensität des Augenblicks, konnten sich auch die großen Linien entfalten.

Das Risiko des Auskostens der Extreme zeigte sich auch im dritten Satz, dessen "sehr langsam" Currentzis allzu wörtlich nahm: Hier den Spannungsbogen noch zu halten, gelang nicht restlos. Ganz im Gegensatz zum energisch dahinstürmenden Finale.

Im ersten Teil präsentierte Currentzis eine Erstaufführung, die den Naturstimmen-Komponisten in Gustav Mahler wohl zumindest fasziniert hätte: Das 2021 uraufgeführte wohlig nebelig tönende 25-Minuten-Werk "Anapher" von Alexey Retinsky schlich sich als scheues Käuzchen in den Saal, um ihn nach einer spukhaften Reise durch das Farbspektrum des Orchesters mit einem Vogelstimmenorkan aus 110 Wasserflöten wieder zu verlassen. Ein jedenfalls eindrucksvoller, vielfach außergewöhnlicher Abend.