Da wäre: Ein Admiral in amourösen Umständen, er verheiratet, sie verheiratet, nur nicht miteinander. Und dann stirbt der Admiral in der Seeschlacht von Trafalgar. Wenn Horatio Nelson kein Opernstoff ist, wer dann? Sollte man glauben.

Offenbar ist eine taugliche Oper aber doch eine Frage des Librettos. In Lennox Berkeleys "Nelson", nun vom englischen Label Lyrita als mustergültige BBC-Einspielung vorgelegt, kann die über weite Strecken fulminante Musik ein Werk nicht retten, dessen opernklischeehaftes Libretto selbst ein Donizetti nur naserümpfend komponiert hätte.

Lennox Berkeley Nelson
Lennox Berkeley Nelson

"Nelson" ist eines der Ergebnisse des Opernwettbewerbs, der zum Festival of Britain 1951 ausgeschrieben wurde - und der in einem Meisterwerk gipfelte, allerdings in einem, dessen Komponist gar nicht teilgenommen hatte: Benjamin Brittens "Billy Budd" überstrahlte alles. Dass der berechtigte Britten-Triumph auf einer Reihe von Intrigen beruhte, steht auf einem anderen Blatt. Britten ist auch der Schattenmann hinter dem "Nelson" - nicht nur, weil der bisexuelle Berkeley in seiner Jugend eine Beziehung mit Britten hatte.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Brittens Geist schwebt denn auch über dem "Nelson": In der Testaufführung mit Klavierbegleitung sang sein Lebensgefährte Peter Pears den Nelson, dessen Rolle deutlich mit Pears’ Stimme im Ohr komponiert ist, und Britten war es, der das Sadler’s Wells Theatre, von dem aus sein "Peter Grimes" den Welterfolg angetreten hatte, überredete, den "Nelson" im Jahr 1954 uraufzuführen.

Es war ein gnadenloser Flop. Man akzeptierte Mitte des 20. Jahrhunderts keine Wahrsagerinnen mehr, keine ungebrochenen heroischen Posen, keinen Heldentod. Britten hatte sogar in "Gloriana", seiner Krönungsoper für Königin Elizabeth II., originellere Lösungen gefunden, um allzu auf der Hand liegenden Szenen auszuweichen.

Welch Ironie der Operngeschichte: "Gloriana" fiel durch, weil das Werk zu vielschichtig war. Berkeleys altbacken opernhafter "Nelson" fiel durch, weil er im Jahr von Brittens "The Turn of the Screw" herauskam und den Vergleich mit dem abgründigen Psychothriller nicht aushielt. Wie "Nelson" überhaupt hinter Brittens Opern hinterherhinkte: Weder Brittens Charakterstudien noch seiner Meeresmusik konnte er Paroli bieten.

Das klingt nach einer missglückten Oper - doch das wäre die halbe Wahrheit. Dieser "Nelson" bietet durchaus einiges an Schönheiten. Natürlich spürt man Brittens Modell, vor allem in der Beziehung Singstimme-Orchester und in der gestischen Führung der Singstimmen. Sonst aber steht die Musik dieser betont britisch sein wollenden Oper fest auf französischem Boden: Francis Poulenc, Darius Milhaud und Henri Sauguet sorgen dafür, dass Frankreich zumindest in der Ästhetik dieses "Nelson" die Seeschlacht von Trafalgar für sich entscheidet. Auch das sind gute Modelle, vor allem in der melodischen Erfindung und in den reizvollen Klangfarben. Und es bedarf des Mutes, etwas vor konventioneller Schönheit Durchdrungenes zu schreiben wie Nelsons Szene und Arie im zweiten Akt und es gleichzeitig doch mit den eigenen stilistischen Zügen zu prägen.

Kennenlernen sollte man Berkeleys "Nelson" trotz seiner Fehler: als gewichtigstes Werk eines gewichtigen englischen Komponisten. Vielleicht hätte "Nelson" sogar die Chance auf ein Bühnenleben gehabt, hätte Britten in "Peter Grimes" und "Billy Budd" nicht alles wegkomponiert, was mit Schiffen, Meer und psychologischer Tiefenschau zu tun hat.