War das ein Trommeln und Trompeten, ein Tamtam, um nicht das wienerische Wort Bahöö zu gebrauchen, das die Metropolitan Opera, kurz Met, um ihre erste Premiere nach der Corona-Schließung veranstaltet hat. Zum ersten Mal, hechelte man, ginge die Oper eines schwarzen Komponisten über die Bühne des New Yorker Hauses, "Fire Shut Up in My Bones" des Jazz-Stars Terence Blanchard, keine Uraufführung zwar, die hatte 2019 am Opera Theatre of Saint Louis stattgefunden, dennoch Sensation gerufen. So manch Kritiker spielte mit. "Black Operas Matter", schrieb das "JazzEcho" und die "New York Times" befand, dass endlich eine Lücke in Sachen Diversität geschlossen sei.

Bei der Wertung des Werks winden sich die Kritiker freilich. Offenbar klingt "Fire Shut Up in My Bones" nicht nur für europäische Ohren allzu empfindlich nach Kitsch, nach Filmmusik. Würde man das einem finnischen Komponisten, einem russischen, einem italienischen gleichermaßen durchgehen lassen? Oder ist es hier doch ein Fall von Bonus-Zuerkennung? - Muss gar nicht die Hautfarbe sein, auch bei Jazzern auf Klassiktrip ist man gewohnt, die Augen zuzudrücken.

Was zählt im konkreten Fall: die Hautfarbe des Komponisten oder die Qualität seines Werks?

Die Diskussion führt auf ein Minenfeld, wo schnell die Rassismus-Vorwürfe detonieren können. Kann man, ohne in Verdacht zu geraten, die Bizarrerie anmerken, dass es eine Oper, die sich mit zitternder Vorsicht den Kühnheiten eines Giacomo Puccini nähert, auf die Bühne der Met schafft? Darf man die gerade in Gang gesetzte Diskussion über angeblich schwarze Vorfahren Ludwig van Beethovens als absurd abtun? Blickt die Musik jetzt mit einem Mal auf Hautfarben, nachdem schwarze Opernstars wie Leontyne Price, Jessye Norman oder Simon Estes Weltkarrieren machten zu einer Zeit, als das Wort "Diversität" noch nicht erfunden war?

Doch so einfach ist die Sache nicht - und zwar in keiner der Richtungen.

Dass europäische Bühnen kaum eine der zeitgenössischen US-Opern nachspielen, hat einen guten Grund: Was US-Komponisten den Bühnen zudenken, sind in der Regel puccineske bis musicalhafte Ware, nach wie vor in den Geleisen angelehnt in denen sich Erfolgskomponisten der 1950er- bis 1970er Jahre wie Gian-Carlo Menotti, Carlisle Floyd und Dominick Argento bewegten. Wenn solch ein Stil von einem schwarzen Komponisten aufgegriffen und gelobt wird, spielt Diversität eine weit kleinere Rolle als der Geschmack des US-amerikanischen Publikums, an dem sich die großen Opernhäuser in der Auswahl ihrer Komponisten orientieren.

Ethnische Minderheiten

Spannend scheint dabei eher und ganz insgesamt die Frage, wie die Musikwelt mit den Werken von Komponisten umgeht, die ethnischen Minderheiten angehören. Um ganz klar zu machen, worum es geht: Welche Komponisten, die einer ethnischen Minderheit angehören oder angehört haben, sind im heutigen Klassik-Alltag wenigstens halbwegs präsent? Welche Antwort kann man geben, ohne dass man sich auf die Werke jüdischer Künstler beschränken muss?

Terence Blanchard ist ein Star des Jazz. Nun hat die New Yorker Met eine Oper von ihm uraufgeführt. - © apa / afp / Getty Images / Shannon Finney
Terence Blanchard ist ein Star des Jazz. Nun hat die New Yorker Met eine Oper von ihm uraufgeführt. - © apa / afp / Getty Images / Shannon Finney

Deutlich gesagt: Es geht um Komponisten, die im Bewusstsein verankert sind, nicht um die gezielte Befragung von Musiklexika oder Google.

Die ehemalige Sowjetunion etwa schrieb sich die Förderung der Minderheiten in ihrem riesigen Reich der Unterdrückung auf die Fahnen. Die Überlegenheit der sowjetischen Erziehung sollte auch dadurch nachgewiesen werden, dass alle Völkerschaften ihre Dichter und Musiker hervorbringen. Aber seit dem Erscheinen von Dmitri Schostakowitschs Memoiren im Jahr 1979 weiß man, dass nicht jede tschuwaschische Oper und nicht jede mansische Symphonie tatsächlich von einem tschuwaschischen oder einem mansischen Komponisten stammte. Bisweilen (oder am Ende sogar ziemlich oft) sangen die "Komponisten", die Noten weder schreiben noch lesen konnten, etwas vor, und ein russischer Komponist oder ein Team von Komponisten und Arrangeuren machte daraus Ballette, Symphonien und sogar Opern.

In diesem Zusammenhang ist übrigens Vorsicht geboten: Was in der Sowjetunion eine "ethnische Minderheit" sein mochte, verstand sich damals und versteht sich heute als Nation. Zwischen der Position des Armeniers Aram Khatchaturian und einem schwarzen Komponisten in den USA ist ein grundlegender Unterschied.

Eher entspricht der Norweger John Persen, ein Angehöriger des Volks der Samen. Seine Oper "Under kors og krone" (Unter Kreuz und Krone) wurde 1985 von der Königlichen Oper in Oslo uraufgeführt - zähneknirschend, dem Vernehmen nach, weniger wegen der Musik, die mit ihren dissonierenden Geweben ganz am Stand der mitteleuropäischen Neuen Musik war, sondern wegen des Themas: Der Samen-Aufstand von Kautokeino gehört zu den unrühmlichen Themen der norwegischen Geschichte, die lieber ein friedvolles nationales Miteinander glauben machen will.

Vom baskischen Komponisten Jesús Guridi ist die Oper "Amaya" immerhin auf CD eingespielt, der Graubündner Gion Antoni Derungs schrieb die rätoromanische Oper "Il Semiader", auch sie liegt auf CD vor. Wirklich spannend ist beides nicht.

Aufregendes aus Australien

Aufregend hingegen ist Deborah Cheetham: Sie ist australische Aborigine, Sängerin, Dramatikerin, Komponistin und hat sich als homosexuell geoutet. Ihre Oper "Pecan Summer", 2010 in Mooroopna uraufgeführt, klingt für den mitteleuropäischen Hörer zwar ebenfalls konventionell, doch schleichen sich Brechungen in den Schönklang ein. Die dramatischen Gesten mögen konventionell anmuten, wirkungsvoll sind sie auf jeden Fall.

Bloß: In all den genannten Fällen sind die Komponisten bestenfalls national bekannt.

International bekannt ist hingegen der schwarze US-Amerikaner Scott Joplin, allerdings als König des Ragtime. Er ist auch Komponist einer Oper, "Treemonisha". Man stelle sich eine Mischung aus Ragtime und Franz von Suppés Operetten vor, um dieses fabelhafte Stück Musiktheater zu charakterisieren. Der deutsch-amerikanische Komponist Gunther Schuller, der Jazz und Zwölftontechnik zum Third Stream verschmolz, brachte das Werk in eine aufführbare Form - was nicht gegen Joplin spricht. Auch im Fall von Modest Mussorgskis "Chowanschtschina" und Alexander Borodins "Fürst Igor" bedarf es einer Bearbeitung, um die Werke aufführbar zu machen.

Schwarze Opernkomponisten

Die beiden schwarzen Komponisten aber, deren Musik größte internationale Aufmerksamkeit verdient, sind die Amerikaner William Grant Still und Anthony Davis.

Still, Komponist mehrerer Opern, gilt als der erste schwarze Klassik-Komponist der USA. Sein "Troubled Island" war die erste Oper eines Afroamerikaners, die von einem großen Opernhaus gespielt wurde. Das war die New York City Opera im Jahr 1949. Inhalt ist die Befreiung Haitis durch Jean Jacques Dessalines, stark eingeschrägte Harmonien tragen die puccinesken Kantilenen. Die folkloristischen Elemente sind stark verfeinert. Trotz seiner eminenten Bühnenwirksamkeit wurde "Troubled Island" bis heute von keiner Bühne nachgespielt, wie auch Stills symphonische Werke vor allem ein CD-Dasein fristen, aber kaum je live aufgeführt werden. Ein Jammer, fürwahr.

Bis heute ist William Grant Still ein zu Unrecht Unbekannter. - © Library of Congress / Public domain / Wikimedia Commons / Carl Van Vechten
Bis heute ist William Grant Still ein zu Unrecht Unbekannter. - © Library of Congress / Public domain / Wikimedia Commons / Carl Van Vechten

1985 preschte wieder die New York City Opera wohltuend voran: Sie war das Haus, das "X: The Life and Times of Malcolm X" von Anthony Davis uraufführte. Davis ist einer der spannendsten Opernkomponisten der Gegenwart. Dazu prädestiniert ihn seine Fähigkeit, szenische Vorgänge musikalisch zu präzisieren. Seine Mittel reichen von geschärften Jazz-Attacken bis zu geräuschhaften Klangflächen. Hört man unmittelbar hintereinander Szenen von Davis’ "X", "Amistad" oder "Lilith" und vergleicht sie mit solchen aus Blanchards "Fire Shut Up in My Bones", kann man sich schwer der Vermutung erwehren, dass die Met nicht nur schwarzen Komponisten die Hand ausstrecken, sondern, vielleicht vor allem, einen sehr simplen Publikumsgeschmack bedienen und dieses Vorhaben mit Diversität begründen wollte.

Der ist freilich, ohne weitere Taten, so wenig geholfen wie der Operngeschichte mit filmischem Neo-Puccini. Aber werbewirksam war’s. Das immerhin.