Der legendäre Dirigent Bernard Haitink ist tot. Er starb am 21. Oktober in London im Alter von 92 Jahren. Er gilt als einer der bedeutendsten Dirigenten seiner Zeit.

Haitink, am 4. März 1929 in Amsterdam geboren, war der letzte Exponent einer einzigartigen niederländischen Dirigentenära, die mit ins internationale Bewusstsein getreten war und über Eduard von Beinum zu ihm geführt hatte. Haitink war der Sohn eines Beamten, der im Elektrizitätswerk arbeitete und schließlich zu dessen Leiter aufstieg. Während der Besatzung der Niederlande durch das NS-Regime war Haitink als Vergeltung für ein Attentat kurze Zeit als Geisel im in einem Konzentrationslager.

Nach dem Krieg spielte er als Geiger in mehreren Orchestern, ehe er von Ferdinand Leitner zum Dirigenten ausgebildet wurde. Er bekam eine Stelle als Zweiter Dirigent des Radio Filharmonisch Orkest. 1956 sprang er für Carlo Maria Giulini beim Concertgebouw-Orchester ein. Nach dem plötzlichen Tod von dessen Chefdirigenten Eduard van Beinum (1959) übertrug man Haitink das Amt des Ersten Dirigenten. 1961 wurde er gemeinsam mit Eugen Jochum zum Chefdirigent des Concertgebouw-Orchesters. Als sich Jochum 1964 zurückzog, wurde Haitink alleiniger Chefdirigent des Orchesters.

Beispiellose Karriere

Weitere Stationen einer nahezu beispiellosen Karriere: 1967 bis 1979 Erster Dirigent des London Philharmonic Orchestra; 1978 bis 1988 Leiter des Opernfestivals in Glyndebourne; 1987 bis 1998 musikalischer Leiter des Royal Opera House in London; 1995 bis 2004 Erster Gastdirigent des Boston Symphony Orchestra.

Keine Karriere verläuft geradlinig: Als das Concertgebouw-Orchester 1988 Haitinks Vertrag nicht mehr verlängerte, trat er knapp fünf Jahre nicht mehr mit dem Orchester auf. Dennoch machte ihn das Concertgebouw-Orchester 1999 zu seinem Ehrendirigenten. Zweiter Einbruch: 2002 wurde Haitink zum Chefdirigenten der Staatskapelle Dresden ernannt. Aufgrund von Unstimmigkeiten bei der Wahl seines Nachfolgers Fabio Luisi demissionierte Haitink vorzeitig im Jahr 2004 vorzeitig auf. Am 6. September 2019 nahm Haitink, zu diesem Zeitpunkt 90 Jahre alt, mit einem Konzert der Wiener Philharmoniker im Rahmen des Lucerne Festival seinen Abschied.

Haitink ist in Live-Auftritten und Einspielungen einer der großen Dirigenten, deren Arbeit schwer zu bewerten ist. Vieles an ihm ist widersprüchlich. Beispielsweise wendete er sich in einem Interview gegen die Inflation von Aufführungen und vor allem Aufnahmen der Sinfonien Anton Bruckners und Gustav Mahlers, ließ selbst aber nicht davon ab, immer wieder Bruckner und Mahler aufzuführen und einzuspielen.
Handwerklich war Haitink immer makellos: Seine Schlagtechnik war perfekt. In seinen besten Aufführungen verstand er es, die Musik für sich selbst sprechen zu lassen, ihren Schönheiten und Besonderheiten Nachdruck zu verleihen. Bei Mahlers Sinfonien funktionierte das immer wieder fabelhaft, sein "Lied von der Erde" gehört zu den Höhepunkten der Mahlerexegese, oft auch bei Bruckner. Die Münchner Aufnahme von dessen Sechster Sinfonie ist unvergleichlich.

Interpret mit Höhen und Tiefen

Aber die Fallhöhe bei Haitinks Interpretationen konnte enorm sein. Wie bei wenigen anderen Dirigenten dieser Größe spürt man bei ihm, ob ihm ein Werk lag, oder ob er etwas erfüllte, das er, aus welchen Gründen auch immer, als seine Pflicht betrachtete. So erfreute er die britische Musikszene, in der er sich besonders heimisch fühlte, mit Aufnahmen von Benjamin Brittens "Peter Grimes" und den Sinfonien von Ralph Vaughan-Williams und der Ersten Sinfonie William Waltons – und in allen drei Fällen sind die Aufführungen schlicht langweilig.
Wie seltsam: Richard Wagners "Ring" absolvierte Haitink kapellmeisterlich korrekt, doch bei der Fünften, Achten, Zwölften und sogar bei der problematischen Dreizehnten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch übertrifft er nahezu alle anderen Aufnahmen.

Wie seltsam auch dies: Man kann keine gültige Aussage treffen, ob Haitink eher zu langsamen Tempi neigte oder zu schnellen oder ob er sich in eine der Richtungen entwickelte. Mahler zerdehnte er manchmal heillos, nachdem er dasselbe Werk in einer früheren Aufführung flott genommen hatte und auch später wieder zu zumindest vernünftigen Tempi zurückkehrte.
Die Größe Haitinks bestand aber vor allem in seiner Haltung als ein Diener am Werk und am Orchester fern aller Allüren. Er strahlte Ehrlichkeit und Meisterschaft – und war damit ein Gegenpol zu den glamourösen Stardirigenten und denen, die sich als solche gerierten und gerieren. Haitink war ein Kompass im Klassik-Betrieb. Er wird fehlen.