Der deutsche Komponist und Opernintendant Udo Zimmermann ist in der Nacht auf Freitag 78-jährig in Dresden gestorben. Er hatte seit Jahren an einer seltenen neurodegenerativen Erkrankung gelitten, die es ihm zuletzt unmöglich gemacht hatte zu komponieren. Zimmermann galt als einer der führenden Opernkomponisten seiner Zeit. Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus wurde seine Oper "Die Weiße Rose" im Jahr 1999 als Produktion der Wiener Staatsoper im Reichsratssitzungssaal des Österreichischen Parlaments aufgeführt.

Zimmermann wurde am 6. Oktober 1943 in Dresden geboren. Als Bub sang er im Dresdner Kreuzchor unter dessen legendärem Leiter Rudolf Mauersberger. Später studierte Zimmermann in Dresden Komposition und Gesang und war Assistent des prägenden Opernregisseurs Walter Felsenstein.

Damit begann ein Spagat zwischen Musikschöpfertum und Opernpraxis, der einerseits befruchtend wirken sollte, andererseits aber auch lähmend.

Der Intendant

1970 wurde Zimmermann Dramaturg an der Dresdner Staatsoper, 1974 gründete er das "Studio Neue Musik", aus dem 1986 das Zentrum für zeitgenössische Musik hervorging. 1985 übernahm er die Leitung eines Studios für zeitgenössisches Musiktheater am Opernhaus von Bonn. Von 1990 bis 2001 war Zimmermann Intendant der Oper Leipzig, die er mit dem Slogan "Oper im Aufwind" zu einem der führenden Häuser des deutschsprachigen Raums machte, was Uraufführungen und Nachspielen zeitgenössischer Werke betrifft.

2001 übernahm er als Nachfolger von Götz Friedrich die Deutsche Oper Berlin, schied von ihr aber schon im Jahr 2003 nach massiven Querelen. Von 1997 bis 2011 verantwortete er die Reihe musica viva beim Bayerischen Rundfunk, in der er 175 Werke uraufführen ließ.

Die Tätigkeit als Musikmanager raubte ihm die Zeit, selbst in größerem Umfang zu komponieren: Es gehört zur Tragik Udo Zimmermanns, dass er, als er endlich wieder Zeit dazu finden konnte, erkrankte. Ein Cellokonzert und ein Violinkonzert werden seine letzten Werke bleiben. Die lange projektierte Oper "Gantenbein" nach Max Frisch existiert nur in Skizzen. Die Opernhäuser werden auf sie verzichten müssen.

Der Komponist

Das ist umso schmerzlicher, als Zimmermann zu den wenigen Komponisten seiner Generation gehörte, deren Opern trotz einer avancierten Haltung auch für ein breites Publikum verständlich waren. Kaum einem  Zuschauer wurde bewusst, dass sich in der außerordentlich vergnüglichen Musik der von Peter Hacks brillant getexteten Märchenoper "Der Schuhu und die fliegende Prinzessin" Reihentechniken verbergen. Und wenn die Musiker aus dem Orchestergraben auf die Bühne kommen, um einen klingenden Berg zu formen, gab es regelmäßig Szenenapplaus für ein musikalisches Gebilde, in dem sich kleine, improvisatorisch gereihte Zellen zu einer Klangfläche verbinden. 

Zimmermann nahm das aus seinen praktischen Musiktheatererfahrungen in seine Werke hinein: Musik hatte bei ihm gestische und erzählende Funktion. Das war durchaus eine Forderung der DDR-Kultur an die Komponisten von szenischen Werken, der sich auch andere wie Rainer Kunad oder Siegfried Matthus gebeugt hatten, aber Zimmermann erfüllte die Vorgaben mit Phantasie und Leben.

Das war schon so in seiner ersten Oper "Weiße Rose" (1968) und in "Die zweite Entscheidung" (1970). Zimmermanns erster großer Opernerfolg war dann aber "Levins Mühle" (1972) nach dem Roman von Johannes Bobrowski. In "Levins Mühle" gelang es Zimmermann, das Vokabular der Neuen Musik nahtlos mit traditionellen Elementen zu verschmelzen, und zwar so perfekt, dass die einen aus den anderen hervorzugehen scheinen und umgekehrt.

In "Die wundersame Schustersfrau" (1982) nach Federico Garcia Lorca vermeidet es Zimmermann, sein bewährtes Rezept einfach auf die bizarre Komödie zu transponieren: Vielmehr versucht er, die menschlichen Seiten seiner Personen durch gespannte Lyrismen und scheinbar einfache liedhafte Bildungen hervorzuheben und dadurch auch Randfiguren bedeutsamer erscheinen zu lassen, als sie im Drama sind - getreu Zimmermanns zutiefst humanistischer Überzeugung, dass jeder Mensch wichtig ist.

Die zweite "Weiße Rose"

1986 griff er dann das Thema seiner ersten Oper ein zweites Mal auf: Die tragische Geschichte der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" handelt er nun als lyrisch gespannten Dialog ab, begleitet von einem 15 Musiker umfassenden Kammerorchester. Nicht der Text gibt ein kausales Handlungsgerüst vor, die Worte, bestehend unter anderem aus Tagebuchaufzeichnungen der Geschwister Scholl, Zitaten Dietrich Bonhoeffers und Bruchstücken aus den Psalmen, sind entlang der als bekannt vorausgesetzten Handlung aufgereiht, und es ist an der Komposition, daraus ein Musiktheater der Wahrhaftigkeit zu bilden. 

Während die Opern den wesentlichen Teil von Zimmermanns Schaffen bilden, scheinen die Instrumentalwerke bisweilen in ihrer gespannten Gestik und dem wortnahen Ausdruckswillen wie verhinderte Bühnenwerke, wie Opernszenen ohne Worte. Es mag bezeichnend sein, dass es eine Kantate, also ein Vokalwerk ist, das aus den nicht szenischen Werken herausragt, nämlich die gewaltige Kantate "Pax questuosa" (Der klagende Friede, 1982).

Der Humanist

Zimmermann hat sich nie an die Behörden der DDR angebiedert. Ihm war ein profunder Humanismus zu eigen, der ihm das von vorneherein verboten hat. Selbst, wenn er einem staatlichen Auftrag nachkommen musste, vermied er das auf der Hand Liegende. So komponierte er zum 100. Geburtstag Lenins das Orchesterwerk "L'homme", das sich auf das Gedicht Eugène Guillevics bezieht und sich mit seiner kleinen Besetzung und den aufgrund der ausgesparten Geigen dunklen Klangfarbe jegliche Feierstimmung und heroische Pose versagt und die Überschrift des ersten Satzes als Menschheitsmotto zum Klingen bringt: "Da stehst du, kleiner Mensch".

Nach der Wende konnte Zimmermann im vereinigten Deutschland seine Karriere fortsetzen - wenngleich sie nun zunehmend auf dem Gebiet des Musikmanagements verlief. Die zweite "Weiße Rose"-Oper aber ist eines der bleibenden Werke der Oper des 20. Jahrhunderts. Das ist gut so - aber es wäre an der Zeit, diesen Platz auch dem "Schuhu" zuzuweisen. Denn dass Oper trotz einer zeitgemäßen Musiksprache ein sinnliches Vergnügen für Menschen aller Altersstufen sein kann, hat kein Komponist der Neuen Musik so brillant bewiesen wie Udo Zimmermann.