Die Lage weckt unerfreuliche Erinnerungen an das Vorjahr: Das Festival Wien Modern steht wieder vor der Tür - und die Corona-Zahlen schießen abermals in die Höhe. Intendant Bernhard Günther ist dennoch guten Mutes, die Programmreihe für Neue Musik unter den gegenwärtigen Bedingungen regulär veranstalten zu können; am 30. Oktober soll es losgehen.

"Wiener Zeitung": Im Vorjahr hatten Sie nur an den ersten Tagen Publikum vor Ort - dann kam der Lockdown, und etliche Termine wurden gestreamt...

Bernhard Günther:Wir sind damals auf eine Mauer zugebrettert und haben in letzter Sekunde eine Kurve genommen, über die ich heute glücklich bin: Wir konnten multimedial 60 Uraufführungen zeigen. Nachdem der Stream von Sofia Gubaidulinas "Zorn Gottes" gleich anfangs viel Aufsehen erregte, lief es richtig gut. Wir haben über 40.000 Leute erreicht. Wobei den Menschen das Streaming damals noch nicht zum Hals herausgehangen ist.

Wie sieht es heuer aus?

Ich bin voller Vorfreude, dass wir diesmal wirklich eine Festival-Version live und vor Ort abhalten. Wobei: Die Komplexität ist nach wie vor atemberaubend. Wir arbeiten hinter den Kulissen wesentlich mehr, als im Normalfall erforderlich wäre. Man muss ja verschiedene Szenarien auf dem Schirm haben, die Corona-Regeln ändern sich immer wieder. Ich bin dankbar für die strengen Verordnungen in Wien; wie ich lese, schützen sie den Osten Österreichs im Vergleich zum Westen. Dadurch entsteht für uns aber ein höherer Aufwand. Außerdem mussten wir etliche Produktionen von 2020 und 2021 verschieben. Und: Wir haben diesmal bewusst größere Säle gebucht, um im Fall von Abstandsregeln reagieren zu können.

Täuscht der Eindruck, oder findet heuer weniger im Konzerthaus statt?

Glanzpunkte des Festivals sind nach wie vor dort angesetzt. Aber ich finde es wichtig angesichts der wachsenden Vielfalt der Gesellschaft, dass Wien Modern nicht nur auf große Hochkultur-Orte fokussiert - und dass es unterschiedliche Formate erarbeitet. Nicht nur in dieser Hinsicht hat sich das Festival seit der Gründung stark entwickelt. 1988 gab es hier null Frauen, null Uraufführungen, keine Veranstaltungen abseits des klassischen Konzertformats. Jetzt haben wir allein 60 Komponistinnen auf dem Programm, 80 Uraufführungen, darunter acht Musiktheaterstücke sowie Installationen. Die Bandbreite der Künstler reicht vom jungen Soundtüftler über die Tanzperformerin bis zum Altmeister Friedrich Cerha, dessen "Spiegel" wir aufführen. Ich bin glücklich, dass Wien so eine quicklebendige, vielfältige Neue-Musik-Szene hat.

Wie kam’s zu den acht Musiktheatern?

Ein Grund sind Verschiebungen wegen der Pandemie. Der heimliche Musiktheaterschwerpunkt liegt aber auch daran, dass die freie Gruppe netzzeit mit drei Neuproduktionen Abschied nimmt, darunter Elisabeth Schimanas "Fugen", ein Stück nach William Gibsons Trilogie "Idoru". Außerdem haben wir es geschafft, eine Opernproduktion im Odeon auf die Beine zu stellen, nämlich "Poppaea". Michael Hersch hat dafür eine Partitur geschrieben, wie man sie nur einmal alle zehn Jahre in die Hand bekommt.

Das Motto lautet heuer "Mach doch einfach, was du willst". Wirkt ein wenig wie: "Mir doch wurscht, was du tust."

Ich bin der Verfechter einer präzisen Dramaturgie. Wir haben drei Jahre an dem Motto "Stimmung" für 2020 gearbeitet, für 2021 gab es eine vergleichbare Planung. Durch Corona haben sich aber so viele Projekte in alle Winde zerstreut, dass ich mit dem Kontrollverlust Frieden geschlossen habe. Je länger die Pandemie dauerte, desto mehr entstand bei mir der Eindruck, dass die Flut an Vorschriften, bei aller Wertschätzung für die jetzigen Wiener Regeln, einen Bogen überspannt. "Mach doch einfach, was du willst": Das ist nicht flapsig, sondern liebevoll gemeint, als entspanntes Angebot, wieder mehr auf die wichtigen Dinge im Leben zu achten. Außerdem passt das zu den starken Charakterköpfen im Programm. Der Maler Georg Baselitz wird sich etwa in einer Serie im Musikverein als leidenschaftlicher Hörer neuer Musik vorstellen.

Sie haben im Jänner, während des jüngsten Lockdowns, eine düstere Frage aufgeworfen: Was, wenn die Menschen künftig lieber beim Home-Entertainment bleiben statt zum Kulturleben zurückzukehren? Glauben Sie weiterhin, das Publikum könnte sich abwenden?

Wir wissen noch nicht, was sich seit März 2020 für die Kultur alles verändert hat. Es gibt derzeit unterschiedliche Erfahrungen. Impulstanz hatte gefüllte Säle, der Musikverein meldet ermutigende Abo-Zahlen . . .

. . . aber Theater laufen nicht so gut.

Ich denke, daraus sind mehrere Dinge abzuleiten. Erstens müssen sich Veranstalter mehr einfallen lassen. Wir müssen dem Publikum zeigen, warum sich Kultur lohnt. Mit der Hoffnung auf ansteckende Begeisterung ist es in Zeiten der Virus-Angst nicht getan. Zweitens muss die Kulturpolitik jetzt auf der Stuhlkante sitzen und darf keine negativen Entwicklungen schönreden. Der Bund hat das Kulturbudget erhöht - das ist gut, aber nicht mehr als ein Schritt in die richtige Richtung. Und schließlich muss der Fetischismus der maximalen Effizienz, der hohe Kommerzdruck im Kulturapparat hinterfragt werden. Innovative Produktionen sind an großen Häusern heute kaum möglich. Das ist ein Bereich, in dem Wien Modern agieren kann und muss. Wobei - ich würde mir wünschen, in ein paar Jahren wieder unter weniger komplexen Bedingungen arbeiten zu können.