Erstaunlich, wie tief unter die Haut rund 60 Minuten Musik gehen können. Anton Bruckners letzte und unvollendete Neunte Symphonie kam am Mittwoch im Wiener Konzerthaus zur Aufführung - am Dirigentenpult Zubin Mehta vor dem italienischen Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, das er erstmals 1985 geleitet hatte.

Während der Aufführung macht sich zwischen Dirigent und Ensemble ein besonderer Klang breit: Die Streicher zeichnen sich durch Homogenität aus und die Bläser durch eher zaghafte Einstiege. Es scheint, dass das Orchester die Noten fast lauter umblättert, als sie zu spielen. Der "Unvollendeten" Bruckners tut das keinen Abbruch: Mehta dirigiert sich genießerisch durch den Abend. Der linke Arm gestaltet Einladungen an die Stimmgruppen und entlockt ihrem Spiel etwas Mysteriöses, Lebhaftes und Feierliches. Insbesondere der letzte Satz dieser Abschiedssymphonie beflügelt Sehnsuchtsgefühle: Hier steigert sich der Klang von Takt zu Takt; die Tuben klingen ernst und feierlich zugleich.

Mehta, Vertreter der ältesten Dirigentengeneration, erhält vom Publikum einen Applaus, der so warm klingt wie das Orchester selbst. Die Musiker stampfen, der Saal tobt und verabschiedet sich vom 85-Jährigen mit Standing Ovations. Ein Augenblick, der das Jenseits vergessen lässt und ins Diesseits zurückführt. Wieder einmal zeigt sich, wie wichtig Livekonzerte sind: Weil sie Musik im Moment spürbar machen, hier insbesondere durch die Vibration tiefer Bässe und ein sinnliches Charisma.