Der britische Dirigent Sir Roger Norrington tritt ab. Auf der Website von "Slipped Disc" schreibt der Klassik-Journalist Norman Lebrecht, Norringtons Konzert mit der Royal Northern Sinfonia am 18. November in Newcastle-Gateshead werde das letzte des 87-Jährigen sein.

Norrington, geboren am 16. März 1934 in Oxford, studierte Geschichte und Musik. 1997 übernahm er die Camerata Salzburg, 1998 das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (SWR-Orchester, bis 2011). Von der Saison 2011/2012 bis 2016 war er Pricipal Conductor des Zürcher Kammerorchesters. 

Norrington gilt als eine Ikone der sogenannten historischen Aufführungspraxis. Weniger bekannt ist, dass er zahlreiche Werke zeitgenössischer Komponisten uraufgeführt hat. Auch eine Aufnahme von Michael Tippetts "King Priam" liegt unter Norringtons Leitung auf DVD vor.

"Stuttgarter Klang" ohne Vibrato

Wofür Norrington bekannt wurde, ist indessen die Schaffung des sogenannten "Stuttgarter Klanges". In der historisch weitestgehend unhaltbaren Annahme, dass die Streicher bis tief ins 20. Jahrhundert weitestgehend ohne Vibrato spielten und Tempi prinzipiell schneller waren, als man sie heute begreift, verordnete er dem SWR-Orchester eine Ästhetik überzogener schneller Tempi und dünner Streicherklänge, die zwar persönlich war und im Feuilleton vielfach auch auf Anklang stieß, bei Musikern aber Befremden auslöste. Hermann Voss, Bratschist des Melos Quartetts, veröffentlichte 2005 zwei Karikaturen zum Klangideal Norringtons und schrieb dazu: "Außer im Stuttgarter Feuilleton findet the New Stuttgart Style bloß Hohn und Spott."

Befremdlich war der Norrington-Stil, weil der Brite die Klangästhetik der historischen Aufführungspraxis nicht nur für die Musik des Barock bis etwa zur Zeit Beethovens anwendete, sondern, darüber hinaus, auch Werke der Romantik und der beginnenden Moderne, etwa Sinfonien Gustav Mahlers, weniger interpretierte als vielmehr mit der Behauptung einer historischen Korrektheit seinem Klangideal anpasste. David Hurwitz, US-amerikanischer Kritiker und Chefredakteur des Internet-Klassikmagazins "Classics Today", überlegt in einem Rant denn auch, ob Norrington der "schlechtesten Dirigenten aller Zeiten" gewesen sein könnte.

Dass es schwer war, mit Norringtons Klangvorstellungen zurecht zu kommen, zumal in Werken der Romantik, ist unbestritten. Norrington wollte anders sein - und er war anders alle anderen. Zumindest für diese Konsequenz müssen ihm auch alle, die von seinen Vorstellungen nicht überzeugt waren und sind, Hochachtung zollen.