Lang Lang ist für die Musikindustrie ungefähr das, was Coca Cola für den Getränkesektor ist: eine Weltmarke. Das kommt nicht von Ungefähr, denn der 39-jährige Pianist gebietet über schier übermenschliche Fähigkeiten und ist auch wieder auf diesem Niveau zurück, nachdem ihn eine Sehnenscheidenentzündung im Jahr 2017 zur Karrierepause gezwungen hatte. Lang Lang beherrscht ein Tempo, auf dem Normalsterbliche allenfalls über die Tasten wischen können - und lässt seine Notenketten selbst dann so ebenmäßig glänzen wie die Glieder einer Perlenkette. Noch im rasenden Notengestöber scheint dieser Mann alle Klangparameter bis in die letzte Nuance zu kontrollieren. Lang Langs Kunst - sie wirkt beizeiten wie eine Nanochirurgie in Tönen.

Aus dieser Position heraus trifft er jedoch eigenwillige Entscheidungen, und sie stellen sich bei seinem Solo-Abend im Konzerthaus schon zu Beginn ein: Der Chinese deutet Schumanns "Arabeske" op. 18 nicht als strömendes Ornament, sondern als Extremwertaufgabe. Wie nah vermag er an die Hörschwelle heranzuspielen, wie fein den Anschlag zu schattieren, wie stark lässt sich Tempo drosseln? Im Rahmen dieses Konzepts wirkt die Musik so tot wie ein in Bernstein gefangenes Urzeitinsekt.

Das gilt leider auch für Bachs "Goldberg-Variationen", die Lang Lang achtbar auf CD eingespielt hat. Live zerfällt das Opus magnum der Variationskunst aber in ein Stückwerk, das auf Hochglanz-Triller, kecke Staccati, gedehnte Adagios und Libellen-leichte Rasereien mehr Wert legt als auf großräumige Gestaltung. Gut: Hie und da setzt es Lichtblicke wie die transparent-quirlige Fughetta. Dass im Laufe der langen 90 Minuten einige Handtaschen zu Boden sacken, nimmt dennoch nicht Wunder. Zuletzt trotzdem Standing Ovations für den Weltstar.