Das alljährliche Claudio Abbado Konzert, dem charismatischen Mitbegründer von Wien Modern gewidmet, hat mit zwei großen Orchesterwerken im Goldenen Saal des Musikvereins klangmächtige Erlebnisse geschaffen. In James Dillons "The Gates" aus dem Jahr 2016 war dem RSO Wien eine ungewöhnliche Solo-Besetzung zur Seite gestellt: Die vier Streicher des seit Jahrzehnten einen fixen Platz im Neue-Musik-Kosmos einnehmenden Arditti Quartets. Das Bild japanischer Tempeltore sowie Begrenzungen und Vermessungen von Raum liefern dem britischen Komponisten strukturelle Vorlagen, durch die der Dirigent Christian Karlsen umsichtig führt. Es ist ein ständiges Beginnen nach klaren Zäsuren, jeweils anders, als es geendet hat. Das Solo-Quartett fügt sich in den Orchesterklang ein, pausiert und gestaltet ebenso Passagen im Alleingang.

Mit tiefen, geheimnisvollen Klängen hebt das Auftragswerk an die israelische Komponistin Chaya Czernowin an. In "Atara" ("Krone") lässt sie dreidimensionale Blöcke unterschiedlicher Textur erstehen, raue, schmutzige Klangfarben gehen in Flirren und Glitzern über, eine enorme Klangintensität wirkt auf das Publikum ein. Ganz filigran tönt es dann, wenn die beiden Sänger (Text von Zohar Eitan) einsetzen: Die Sopranistin Sofia Jernberg meckert und flüstert ins Mikrofon über einem gehauchten Teppich atmender Instrumente, der Bariton Holger Falk hingegen verbleibt in traditioneller Gesangstechnik. Ein Bruch ins Zarte, das Stück verebbt und schließt in einem sphärischen Duett in Harmonie.