Der Wiener Musikverein lud zum Tanz: Kein Walzer war es, wie es bald der Fall sein wird, als vielmehr das anmutig-souveräne Erscheinungsbild einer Spieluhr-Ballerina. In der Schatulle befinden sich Juwelen, die ehrfürchtig bestaunt werden und vor denen es genügend Platz gibt, sich zu gebärden. Daniel Barenboim dirigiert das erste von insgesamt vier Konzerten der Staatskapelle Berlin mit Robert Schumanns und Johannes Brahms erster Symphonie und gibt den Liebesboten des Klangs.

Wie Teil eines frisch verliebten Paars umschlingt Barenboim mit beiden Armen die Klänge von Schumanns "Frühlingssymphonie", deren sternenklaren Nachthimmel er zum Funkeln bringt. Der entfachten Glut entreißt er die träumerische Freiheit durch seine strengen und geschwinden Schultern, die das gesamte Orchester unter Kontrolle bringen. Dass Schumann bloß das Klavier orchestriert habe, ist dieser Interpretation nicht zu entnehmen.

Der Rausch der Klänge setzt sich in der zweiten Hälfte des Abends fort: Bei Schumanns Nachfolger Brahms leuchtet der Saal nicht nur golden, sondern in allen Kristallfarben, derer sich Barenboim zu bedienen weiß. Die Disziplin und Haltung einer Ballerina behält er bei, an Dramatik nimmt er zu. Der Schatz, den er hütet, besteht aus prachtvoll rufenden Hörnern, wohlklingenden Oboen, strahlenden Flöten, tiefen Celli, Pauke und dem Konzertmeister, der bei Brahms richtig zur Geltung kommt. Die Begeisterung des Publikums gilt gleichermaßen dem Meister und seinen Instrumentalisten.