Oh Mann, hat der Mann Oberarme! Den Dwayne Johnson könnte der Neid fressen. Dirigent Theodor Currentzis zeigt auf Instagram, was er hat, also an Oberarmmuskulatur. Sein erigierter Penis blieb dem Multimedia-Projekt "Dau" vorbehalten. In einem Porträt, das auf arte ausgestrahlt wurde, philosophiert er über seine Parfums.

Dirigent Lorenzo Viotti posiert gleich oben ohne auf der Fotoplattform. Welch ein Body! Und da er im Wasser steht, darf man sich fragen: unten am Ende auch? Bei einem allfälligen Wettbewerb zum bestausgezogenen Dirigenten der Gegenwart hat er jedenfalls Siegerchancen. Trotz "Dau". Oder wegen "Dau". Geschmackssache.

Und ganz ehrlich: Warum sollen die Klassik-Männer nicht auch einmal tun wie die Klassik-Frauen?

Der Sopran im Etuikleid

Wie war das mit Anna Netrebko am Beginn ihrer Karriere? Nackt gewiss nicht, aber die erotische Pose ließ Männer Giuseppe Verdis "Traviata" sehen, deren Musikalität sonst mit "Yesterday" von den Beatles überfordert war.

Heute ist es Aida Garifullina, die sich tiefdekolletiert und im Bade-Einteiler, im Pyjama und im Etuikleid auf Instragram mitteilt. "Sind das Beine", würde man sagen, dürfte man es sagen in dieser Zeit zunehmender Prüderie. Darf man aber nicht: Wozu dann die öffentliche Beinbeschau? Mann sabbere im Stillen, Hauptsache, die CD wird gekauft?

Auch Pianistin Yuja Wang zeigt von ihrem Körper alles, was Miniröcke, Lederleggings, Hotpants und Bikinis dem Blick bieten.

Sex sells nach wie vor - und zwar ohne Metoo-Dämpfung. Offenbar ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die leicht bekleideten Models von den Werbungen für Autos und Mineralwasser verschwinden und sich statt dessen leicht bekleidete Pianistinnen und Geigerinnen ihre neue Mozart-Aufnahmen mit ihrem Instrument räkeln.

Könnte man sich vorstellen, dass Herbert von Karajan in der Badehose posiert hätte?

Lisa della Casa im sexy Bikini?

Leonard Bernstein. . . - oha, erwischt!

Dennoch ist ein grundlegender Unterschied zwischen privaten Schnappschüssen, von denen einzelne ohne Zutun des Abgelichteten den Weg in die Öffentlichkeit finden, und gezielten Selbstdarstellungspostings auf Facebook, Instagram und anderen Sozialen Medien.

Die österreichische Journalistin Solmaz Khorsand hat einen glänzenden langen Essay über Pathos verfasst. Darin beschreibt sie den zunehmenden Zwang des Einzelnen, auf sich aufmerksam zu machen, indem er das Internet durch überzogene Postings zu einer neuen Form des Gestikulierens und Schreiens nützt. Simplifiziert ausgedrückt: Wer beispielsweise hinter seine Ablehnung der Covid-Impfung 23 Rufzeichen setzt, glaubt, seine Irrmeinung deutlicher zu machen als einer, der nur 17 Rufzeichen verwendet.

Die Flut des bisher Allzuprivaten in der Öffentlichkeit ist ebenfalls eine Form dieses Pathos, dieses Heischens um Aufmerksamkeit. Es ist kein Zufall, dass es im Klassik-Geschäft gerade jetzt immer stärker wird.

Das Klassik-Geschäft nämlich liegt in den letzten Zügen. Einerseits wird alles aufgenommen, was sich irgendwo ereignet, andererseits streichen die Labels selbst maßstabsetzende Aufnahmen aus ihren Katalogen. Die Kompassnadel dreht sich wirr zwischen zu vielen Magnetpolen, die alle gleich schwach sind.

Interesse an der Person

Das hängt freilich auch mit der zunehmenden Stromlinienförmigkeit der künstlerischen Darbietungen zusammen. Die Interpretationen spiegeln längst kaum noch eine Persönlichkeit des Solisten oder Dirigenten. Die Interpretationen sind nur noch scheinbare Ausdeutungen der Musik. Sie beschränken sich auf: "Wer kann es noch schneller?", "wer kann es noch langsamer?", "wer kann es noch leiser?" Nur die Steigerung zu einem wirklich lautstarken Höhepunkt vermisst man fast völlig.

Da aber das klassische Repertoire gesättigt ist und, genau genommen, keine Neuaufnahmen mehr braucht, bleibt nur noch der Relevanznachweis über die Privatheit. Der Künstler macht sich als Person interessant, um zu vermitteln, dass er als Interpret interessant ist.

Dann kommt es dazu, dass etwa Currentzis eine Einspielung von Beethovens Siebenter Symphonie vorlegt, mit der er gegen Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Otto Klemperer und George Szell bestehen müsste. Kann es sein, dass sein besseres Stück im Vergleich dann halt doch sein bestes Stück ist?

Selbst ein Pianist vom heute seltenen Großformat eines Igor Levit gehört zu den Gestikulierern: Zwar bleibt er seriös angezogen, aber seine Internetpräsenz ist auf andere Weise laut. Levit leidet.

Das mag subjektiv durchaus stimmen. Aber er wird nicht müde, seinen Anhängern die geistigen Qualen mitzuteilen, mit denen er sich das gerade immer größte, immer bedeutendste Klavierwerk abgerungen hat.

Ringen um die Kunst

Eine Anekdote will wissen, dass der Komponist Hans Pfitzner eine ähnliche Pose des geistigen Leids eingenommen hat. Als ein Pfitzner-Bewunderer dem völlig anders gestrickten Komponisten-Konkurrenten Richard Strauss erzählte, mit welcher Mühsal sich Pfitzner das neue Werk abgerungen hatte, antwortete Strauss: "Warum komponiert er dann, wenn’s ihm so schwerfällt?"

Viele Musiker unserer Gegenwart freilich scheinen nicht darauf zu vertrauen, dass die Qualität ihrer Interpretationen für das Interesse des Zuhörers ausreicht. Dann braucht es eben den Tweet zur Unterstützung, der das substanzverzehrende Ringen um die Kunst dokumentiert, mit dem sich der Interpret in den Rang eines Werkerlösers erhebt. Oder es gibt Muskel, Bein und Brust auf Instagram.

So sexy kann Klassik sein, dass man nicht einmal mehr auf die Musik achtet.