Um eine Symphonie zu schreiben, sind Handwerkskunst, Erfahrung und Erfindungskraft gefragt. Um dem Stück einen Namen zu geben, jedoch - nichts davon. Die Symphonie erhält, so lautet jedenfalls die alte Regel, schlicht eine Nummer. Weitere Kreativität unnötig.

Anders sieht das mit kurzen Musiknummern aus. Da tut der Verfasser gut daran, sich ein wenig Originalität für einen griffigen Namen aufzuheben. Denn ein solcher kann das Interesse fesseln, wie man ja auch vom Zeitunglesen weiß. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass Robert Schumann, Komponist und Musikjournalist, ein Meister in dieser Disziplin war. "Arabeske", "Einsame Blumen", "Papillons": Eine anschauliche Überschrift ist ein gewinnender Fürsprecher.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Ein anderes Prachtbeispiel stammt von Leoš Janáček: Der Tscheche (1854-1928) hat über die Jahre eine Sammlung kurzer Klavierstücke verfasst und sie "Auf verwachsenem Pfade" genannt. Das hat Poesie, und es ergibt auf doppelte Art Sinn: Der Titel lässt nicht nur ahnen, dass sich der Naturfreund Janáček auch hier von Flora und Fauna hat anregen lassen. Der Name dient vor allem als Gleichnis: "Auf verwachsenem Pfade" ist ein tönendes Panoptikum der Lebenserinnerungen, sein Autor schreitet im Geiste Orte der Vergangenheit ab. Es sind dies freundliche Plätze, aber auch schmerzliche. Die traurigsten Passagen gedenken des Todes der herzkranken Tochter, wie dies wohl auch das knappe Stück "Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen!" tut. Der harmlose Titel ist in Wahrheit ein Menetekel: Die kleine Eule, so heißt es im Volksglauben, bringt Unglück auf ein Haus. Janáček vermittelt diese Gefahr in seiner unverkennbaren Art: Ein Kurzmotiv, kantig und repetitiv, wechselt mit Folklore von unversehrter Schönheit.

Camerata Zürich Leo Janek - On an overgrown path
Camerata Zürich Leo Janek - On an overgrown path

Die Camerata Zürich hat sich diesen Zyklus nun für Streichorchester arrangieren lassen, und die Fassung von Daniel Rumler beglückt durchaus: Dank schlanker Besetzung ertrinkt die Musik nicht in Opulenz und behält ihre knorrigen Momente (teils verstärkt durch herbe Streichereffekte) bei. Andererseits blüht der Klang dort paradiesisch auf, wo Janáček ein Idyll der schlichten Harmonien feiert. Für Umrahmung sorgt die Musik zweier Landsleute: Josef Suks "Meditation über den altböhmischen Choral ‚St. Wenzeslaus‘" erfreut mit sphärischen, leicht abstrakten Klangbildern, Antonín Dvořáks "Notturno" mit melodiöser Wehmut. Als Extra eine literarische Beigabe: Die Autorin Maia Brami hat sich von Janáčeks Leben zu einem Text anspornen lassen und ihn selbst rezitiert. Zum Verständnis sind gute Französischkenntnisse nötig.

Bruce Liu Chopin
Bruce Liu Chopin

Ein Album klassischer Machart legt die Deutsche Grammophon vor, dafür aber mit einem neuen Gesicht: Bruce Liu, ein kanadischer Pianist chinesischer Abstammung, hat im Oktober den Chopin-Wettbewerb in Polen gewonnen - und das mit gutem Grund, wie der Mitschnitt belegt. Der 24-Jährige verfügt nicht nur über eine makellose Technik und bürgt auch auf einem Turbo-Tempo für dynamischen Feinschliff. Der Mann mit dem markanten Namen erweist sich auch als rhythmischer Feinmechaniker: Wie er das Tempo in der quirligen Etüde op. 25/4 leicht dehnt und rafft, wie er federnde Synkopen swingen lässt, macht Lust auf ein Wiederhören. Vielleicht ja, seufz, eines Tages live.