Diesem Violinkonzert hätte man mehr Publikum im Wiener Konzerthaus gewünscht als die vor Ort zugelassenen Journalisten: Beat Furrer, der seit Jahrzehnten in Österreich wirkende Schweizer Komponist, hat für den grandiosen Geiger Ilya Gringolts ein imposantes Werk geschaffen. Immerhin ist dieses Abschlusskonzert des Festivals Wien Modern live gestreamt worden und einige Tage lang abrufbar. Furrer selbst dirigierte die engagierten Wiener Symphoniker mit raumgreifender Hingabe.

In den drei Sätzen seines Violinkonzerts entwirft er Wege, eine Melodie zu etablieren, und ermöglicht darauf unterschiedliche Blicke wie durch ein Kaleidoskop. Darin verschmilzt der intensive Geigenton Ilya Gringolts’ mit dem Orchesterklang, tritt virtuos daraus hervor und bleibt doch stets ein glühend tönendes Individuum. Die Solostimme arbeitet sich in minimal chromatischen Stufen abwärts, während das Orchester sich mehr und mehr hinaufschraubt. Diese Gegenbewegung entzieht einem harmonischen Bezugssystem die Basis und damit dem Hörer den Boden unter den Füßen.

Furrers ebenfalls neue vier "Tableaux" sind inspiriert von den düster-mystischen Wald-Bildern Max Ernsts; seine Klangsprache ist im Vergleich zu früheren Werken energischer geworden und verführt mit satten, gedämpften Blechbläserklängen, die im irisierenden Streicherklang vermeintlich Orientierung bieten.

Einmal mehr zeigt dieser Abend, dass die gespannte Konzentration des gemeinsamen Zuhörens einen wichtigen Teil der öffentlichen Musikrezeption ausmacht. Mit eindringlichen Worten bedankte sich der Festivalleiter Bernhard Günther beim Publikum, das die sich stetig verschärfenden Eintrittsmodalitäten anstandslos mitgemacht hatte, ermutigte die Musikerinnen und Musiker, nicht aufzugeben, und verlas eine lange Liste mit den Namen derer, deren Festival-Auftritt aufgrund des neuerlichen Lockdowns auf das Jahr 2022 verschoben wurde.