Den Einsatz verpassen. Die Noten nicht dabei haben. Keinen Ton herausbringen. Ein Blackout erleiden. Der Stoff für Musiker-Albträume ist mannigfaltig. Was Kent Nagano in seinem neuen Buch "10 Lessons Of My Life" schildert, verdient sich freilich einen Ehrenplatz unter diesen Szenarien. Und der heute 70-jährige US-Dirigent hat dies nicht etwa geträumt, sondern in seiner Jugend tatsächlich erlebt.

Rückblende in die USA der späten 70er Jahre: Nagano verdient sich seine ersten Sporen als Assistent bei der Boston Opera Company. Sarah Caldwell, Dirigentin und unermüdliche Kulturmacherin, hat den Trupp gegründet und verlangt ihm so viel ab wie sich selbst: Die Tage sind lang, die Nächte kurz rund um die verehrte Energetikerin. Eines Abends bringt sie Nagano gänzlich um den Schlaf: Er soll binnen acht Stunden eine Arie orchestrieren, zwei Übergänge komponieren und das ganze Material, Partitur und Einzelstimmen, am nächsten Morgen abliefern. Nagano glaubt, seinen Ohren nicht zu trauen. Ist er gemeint, der junge Dirigent? Doch er setzt sich hin, schreibt bis zum Morgengrauen, eilt mit den Zetteln zur Probe und findet seine Arbeit gar nicht übel.

Aber es endet in einem Fiasko. Nagano hat in der Hitze des Gefechts einen Anfängerfehler begangen und die Trompeten nicht transponierend notiert. Das Ergebnis: ein schrecklicher Missklang. Gelächter im Orchester. Die Chefin blickt ihn durchdringend an. Der junge Assistent war gefeuert.

Dass Nagano auf diese Misere heute positiv zurückblickt, ist wohl zwei Umständen geschuldet. Einerseits hat ihn Caldwell schon bald zurückgeholt - mit einem typisch forschen Anruf zu nachtschlafender Stunde. Zweitens hat ihm die Überforderung ein Aha-Erlebnis beschert: Man wisse nie, wozu man imstande ist - bis einen jemand zum schier Unmöglichen drängt und damit über die vermeintlichen Befähigungsgrenze hinausschubst.

Frank Zappas Ultimatum

Nagano widmet sein vergnügliches zweites Buch (erneut mit Co-Autorin Inge Kloepfer verfasst) nun genau solchen Lektionen, die ihn Integrität, Haltung und Wahrhaftigkeit lehrten. Derlei lerne man ja nicht "aus Büchern und aus dem Internet", sondern von Menschen.

Wie etwa von dem Musiker Frank Zappa. Der war schon Naganos Eltern ein Begriff - jedoch als Tunichtgut wegen seiner provokanten Rockkonzerte. Als Pierre Boulez dann aber die gefinkelten (und weithin unbekannten) Orchesterstücke des Exzentrikers dirigierte, dachte Nagano um und knüpfte Kontakt zum Bühnenstar. Die Sache kam allmählich voran: Schon bald fragte Zappa am Telefon, ob Nagano seine Musik in London dirigieren würde; ein Orchester sei gebucht. Doch Nagano eierte herum: Er brauche Zeit, um darüber nachzudenken. Zappa ließ sich aber nicht lange auf der Nase herumtanzen: "Genau 15 Sekunden gebe ich dir, um meine Frage mit Ja oder Nein zu beantworten", herrschte er den Dirigenten an. Woraufhin der prompt zusagte und sich für sein Geplänkel schämte. Wahre Künstler taktieren nicht, nahm Nagano aus diesem Telefonat mit und bewundert Zappa bis heute für dessen Ernsthaftigkeit.

Wie sinnvoll ein offener Blick über Genre-Grenzen sein kann, lehrte ihn auch eine Zusammenarbeit mit Björk: Durch ein Musikvideo aufmerksam geworden, begeisterte er sich für die "urwüchsige Authentizität" dieser Stimme - und sah darin die Idealbesetzung für den Sprechgesang in Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire". Tatsächlich gelang es ihm, Björk 1996 für Proben und eine Aufführung in Verbier zu gewinnen. In diesem Rahmen erlebte Nagano, der Klassikstar, freilich auch, was wirklicher Weltruhm in Popdimensionen bedeutete: Scharen von Björk-Fans stürmten das Schweizer Festival-Fleckchen und mussten von den Polizeikräften gebändigt werden.

Pointiert lesen sich auch die Geschichten, die Nagano über Größen wie Leonard Bernstein, Yvonne Loriod, aber auch unbekanntere Namen wie Richard Trimborn ausbreitet. Wobei fehlender Glamour dem Lehrwert keinen Abbruch tut: "Nur oberflächlich lässt sich Erfolg im Leben über Ruhm und Geld definieren." Wahrhaft erfolgreich seien die, die "im Leben ihrer Mitmenschen Spuren hinterlassen".