Hinter dem Neujahrskonzert steht erneut ein dickes Fragezeichen: Der Jubeltermin könnte 2022, wie schon in diesem Jahr, vor leeren Reihen stattfinden. Eine Entscheidung soll bis zum 15. Dezember fallen, bekräftigten die Wiener Philharmoniker am Sonntag, zeigten sich aber hoffnungsfroh: "Ich gehe am heutigen Tag davon aus, dass wir vor vollem Saal spielen", wobei dann "sicher sehr strenge Regelungen gelten, also 2G-plus", sagte Vorstand Daniel Froschauer. Letztlich sei das Orchester, das eben von einer Tournee zurückgekehrt ist, hinsichtlich seines Traditionstermins von den Regierungsvorgaben abhängig. Also davon, ob der Lockdown am 1. Jänner noch für den Kulturbereich gelten wird.

Bis dahin ergeht sich das Ensemble aber nicht im Däumchendrehen, sondern hält Streaming-Konzerte im leeren Musikverein ab. Am 12. Dezember wird Kirill Petrenko in diesem Rahmen dirigieren, am vorigen Sonntag war es Franz Welser-Möst - und meisterte dabei ein Werk, das man nicht unbedingt auf seinem musikalischen Speiseplan vermuten würde, nämlich Gustav Mahlers letzte vollendete, Neunte Symphonie.

Versteht sich, dass Welser-Möst, der Profunde, auch in dem verzweigten Stimmgeflecht dieses Abschiedswerks kein Detail untergehen lassen will. Pingelig wirkt das darum allerdings nicht. So sehr diese Wiedergabe auf Transparenz Wert legt, so sehr will sie dem emphatischen Ereignisfluss dieser Musik Vorschub zu leisten: Selten dreht Welser-Möst stark an der Temposchraube oder überraschend an den Farbwerten. Damit opfert er zwar einiges an Kontrastpotenzial in diesen fratzenhaften bis balsamischen 80 Minuten, verlieht ihnen aber eine schlüssige Kompaktheit. Am schönsten geht dies vielleicht in der Rondo-Burleske auf, dieser allmählichen Beschleunigung eines verbeulten Themas in Richtung Raserei: Mahlers Steigerungslogik erschließt sich hier so kristallklar wie bezwingend. Und wie luxuriös sich der Streicherchor der Philharmoniker im Finale aussingt, weckt die Vorfreude auf die ORF-Wiederholung, die im Jänner garantiert stattfindet.