Neun Takte lang tanzt diese Musik - dann versinkt sie in Stille: Keine weitere Note mehr auf dem Papier. Es bleibt ein Rätsel, warum Franz Schubert das Scherzo seiner Siebenten Symphonie abbrach und das Werk als Zweisätzer in die Musikgeschichte entließ. Keine Zeit, weil andere Projekte drängten? Keine Lust, weil ihm der eigene Einfall missfiel? Schwer zu glauben: Die Melodie mit dem pfiffigen Rhythmus hätte das Zeug gehabt, die Symphonie auf Augenhöhe fortzusetzen. Wie auch immer: Aus heutiger Sicht mag man Schuberts Weigerung ein cleveres Marketing nennen - brachte es der Siebenten doch das Alleinstellungsmerkmal der "Unvollendeten" ein.

Dirigentin Michi Gaigg sagt in ihrer Auseinandersetzung mit Schubert dagegen vorbehaltlos Ja zu dessen Orchesterwerken: Sie hat mit dem L’Orfeo Barockorchester nicht nur die acht Symphonien des Klassikers eingespielt, sondern auch etliche Orchester-Fragmente aus seiner Feder - selbst wenn diese Skizzen nicht einmal eine Minute dauern und mitten im musikalischen Gedanken abbrechen.

L’Orfeo Barockorchester Franz Schubert Complete Symphonies & Fragments (CPO)
L’Orfeo Barockorchester Franz Schubert Complete Symphonies & Fragments (CPO)

Schön zwar, dass diese Entdeckungsreise auch das erwähnte Fast-Scherzo zutage fördert. Sie bringt aber auch so manchen mittelmäßigen Torso zum Klingen. Schubert, das belegt diese Aufnahme, besaß nicht nur ein geniales Melodiengespür, sondern meist auch dafür, welche musikalische Keimzelle eine Weiterarbeit lohnte und welche getrost in der Schublade verenden durfte. Immerhin: Die sieben eingespielten Mini-Skizzen bieten einen aufschlussreichen Schlüsselloch-Blick in eine Musikerwerkstatt.

Elina Garanča,Wr.Philharmoniker,ChristianThielemannLive From Salzburg(DG)
Elina Garanča,Wr.Philharmoniker,ChristianThielemannLive From Salzburg(DG)

Die insgesamt vier CDs, entstanden bei der Schubertiade Hohenems, bringen in erster Linie aber die Kompetenzen von Gaiggs Originalklangensembles zur Geltung, das heuer seinen 25. Geburtstag feiert. Die Einspielung punktet durch Kraft und Kernigkeit, wobei die Holzbläser gleichwohl mit einer delikaten Phrasierung glänzen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Mag die Aufnahmequalität auch nicht ganz dem Nonplusultra entsprechen, vermittelt diese Schubert-Einspielung geradlinige Energie ohne den Kollateralschaden der Grobschlächtigkeit. Dies zeichnet nicht zuletzt die erwähnte "Unvollendete" aus (drängend anzuhören im Kopfsatz) sowie die "Große" C-Dur-Symphonie, die mit unnachgiebiger Spannung und rhythmischer Intensität auf ihr Ende zusteuert.

Neuigkeiten aus dem Hause Deutsche Grammophon: Elina Garančas Salzburg-Auftritte von 2020 und 2021 sind nun auf einer CD vereint und unterstreichen den Ausnahmerang der Lettin. Ihr Mezzo, dunkelglosend in der Tiefe, balsamisch in den Spitzentönen, vermittelt selbst unter Hochspannung einen makellosen Luxusklang und jenes gewisse Etwas, das sich auch einer intelligenten Textgestaltung verdankt. Dass Christian Thielemann sie mit den Wiener Philharmonikern bei Wagners Wesendonck-Liedern mustergültig begleitet, verwundert nicht. Erstaunlicher jedoch, dass sich der Fachmann für die deutsche Romantik hier auch auf Mahler-Terrain wagt, was den Rückert-Liedern durchaus zupasskommt: So klangschön und kammermusikalisch umrahmt ist selten eine Mahler-Sängerin "der Welt abhandengekommen".