Nicht nur Regierungsämter wechseln derzeit oft ihren Inhaber. Auch die Jeunesse, landesweiter Konzertveranstalter für ein junges Publikum, leidet an einer hohen Fluktuation, ausgelöst durch die Corona-Krise - und wohl auch durch den Umgang damit.

Rückblende: Im Juni 2020 informiert ein Schreiben der damaligen Obfrau Katharina Regner die Geschäftsstellen der Bundesländer über drastische Beschlüsse des Vorstands. Ein pandemiebedingter Geldmangel zwinge den Verein, sich auf Veranstaltungen in Wien zu konzentrieren und das Kinderprogramm stark zurückzufahren.

Ein Aderlass in diesem Ausmaß kann dann zwar dank staatlicher Corona-Hilfen verhindert werden. Doch seither knirscht es im Gebälk: Im Juli werden die künstlerische Leiterin Madeleine Landlinger und ihr kaufmännisches Pendant Alexandra Jachim ihrer Aufgaben entbunden; Obfrau Regner übernimmt die operative Leitung. Im März 2021 folgte ihr der Musiker Philipp Comploi nach - als Generalsekretär und Obmann. Auch dies aber nur ein Gastspiel: Im November wird bekannt, dass der Generalsekretär der Jeunesse nun Christian Schulz heißt. Der heimische Musiker, Jahrgang 1967, war davor Cellist bei den Wiener Symphonikern und hat deren Symphonia GmbH geleitet. Im Interview erzählt er von seinen Plänen.

"Wiener Zeitung":Seit wann sind Sie der neue Generalsekretär?

Christian Schulz: Seit August.

Warum hat man das erst im November erfahren?

Weil im Verein noch andere Veränderungen stattfanden. Philipp Comploi hat im November auch das Amt des Obmanns zurückgelegt und an seine bisherige Stellvertreterin Agnes Pirker-Kees übergeben. Das wurde abgewartet.

Trügt der Eindruck, oder hatte die Jeunesse in jüngster Zeit so viele Leiter wie Österreich Kanzler?

Da ist schon etwas dran. Wobei: Die Amtszeiten waren bei der Jeunesse länger als die 52 Tage von Alexander Schallenberg.

Wie geht es mit den Aktivitäten der Jeunesse in den Bundesländern weiter? Ist der Plan, diese zu streichen, endgültig vom Tisch?

Die Tätigkeiten in den Bundesländern, die insgesamt 21 Geschäftsstellen des Vereins, sind das Alleinstellungsmerkmal der Jeunesse. Es macht uns einzigartig; ich würde das nie freiwillig aufgeben, sondern diese Präsenz lieber stärken als beschneiden.

Zuversichtlich: Jeunesse-Chef Christian Schulz. 
- © Griesser

Zuversichtlich: Jeunesse-Chef Christian Schulz.

- © Griesser

Ist das Vertrauen in den Bundesländern wiederhergestellt?

Das dauert sicher länger. Man kann Vertrauen nicht mit einem einzigen Gespräch wiederherstellen, ich arbeite daran.

Wie geht es der Jeunesse finanziell? Und ist sie weiterhin auf ein junges Publikum ausgerichtet?

Die Jeunesse bleibt ihren Grundsäulen treu, also einem jungen Publikum, der Förderung des musikalischen Nachwuchses und dem Engagement in den Bundesländern. Wir haben ein stabiles Budget und können dank der Corona-Hilfen zuversichtlich in die Zukunft blicken. Der NGO-Fonds ist eine große Hilfe für einen Betrieb, der in normalen Zeiten eine Eigendeckung von mehr als 60 Prozent besitzt.

Musste das Programm der aktuellen Saison trotzdem krisenbedingt bis zu einem gewissen Grad zurückgefahren werden?

Ja, es gab Kürzungen beim Personal und dadurch auch bei den Inhalten. Das Programm der Spielzeit 2021/2022 ist Corona-geschuldet um ungefähr 30 Prozent verkleinert.

Auf wie viele Jahre ist Ihr Vertrag befristet?

Er ist unbefristet. Meine Aufgabe besteht darin, als Branchen-Kenner wieder Stabilität in den Verein zu bringen und das Team aufzubauen.

Werden auch Sie ein Übergangsintendant sein?

Nein, ich plane längerfristig.

Sie waren bisher Cellist bei den Symphonikern. Wie passt das zum Leitungsposten bei der Jeunesse?

Ich war aber auch sechs Jahre Geschäftsführer der Symphonia GmbH, die für die Medienrechte und Nebengeschäfte der Symphoniker zuständig ist. Außerdem habe ich sieben Jahre lang für das Außenministerium eine Musik-Akademie in Teheran geleitet, ein Riesenprojekt mit bis zu 300 jungen Musikerinnen und Musikern.

Bleiben Sie ein Angestellter der Wiener Symphoniker?

Ich bin karenziert und damit zu 100 Prozent bei der Jeunesse.

Das Programm der laufenden Jeunesse-Saison werden Sie noch nicht beeinflussen können. Welche Akzente möchten Sie in den künftigen Jahren setzen?

Programmatisch wird man meine Handschrift erst in der Saison 2022/23 erkennen. Wobei: Sie zeichnet sich schon jetzt ein wenig ab. Wir haben beschlossen, einige aktuelle Projekte stärker zu bewerben: Etwa die vielfältige Reihe "Urban Fusion" im Grenzbereich zwischen Jazz, Hip-Hop und Singer-Songwriter im Porgy & Bess. Oder auch unsere Akademie für Musikstudentinnen und -studenten im nächsten Frühjahr, bei der wir sogenannte "staged concerts" zeigen: Die Musikerinnen und Musiker bewegen sich dabei mit ihren Instrumenten wie Schauspieler auf der Bühne.

Bleibt die klassische Musik für die Jeunesse von zentraler Bedeutung?

Das wird sicher so bleiben, solange Wien Hauptstadt der klassischen Musik ist. Im Kontakt mit jungem Publikum lassen sich aber auch neue Formate entwickeln, mit denen die Jeunesse, denk’ ich, Furore machen kann.