Wie viele Flötisten benötigt man, um eine Komposition zu ruinieren? Mindestens einen. So oder ähnlich bringen es Witze auf den Punkt. Wer über sie lacht, weiß um das quietschende, längs gehaltene Holzblasinstrument mit Schnabel und engem Spalt. In Musikschulen hat der Unterricht so manchen geplagt. In der Adventzeit wird es zu des einen Freud und des anderen Leid fürs gemeinsame Musizieren wieder ausgepackt. Die Blockflöte hat unter den Flöten den schlechtesten Ruf. Indessen galt sie bis in die 1980er Jahre als das Erstlingsinstrument schlechthin.

Die Musikwissenschafterin und AHS-Lehrerin Cornelia Stelzer setzt sich in ihrem Buch "Die Bedeutung der Blockflöte zur Zeit des Nationalsozialismus" mit der spärlich dokumentierten Zeit von 1933 bis 1945 auseinander. Darin wird zwischen hochwertiger Meisterflöte und Blockflöte als Massenware unterschieden. Die Blockflöte - ein Instrument, das sich durch die gesamte Instrumentalpädagogik des 20. Jahrhunderts hindurchzieht.

In der musikalischen Praxis findet sich die Blockflöte in Europa seit dem Mittelalter. Hirtenjungen und Gaukler ziehen mit ihr durch die Lande. In der Renaissance erlebt sie ihre Blütezeit: Blockflöten werden in Tonlagen von Sopran bis Bass gebaut. Im Spätbarock dann ist die Bauweise adaptiert, wodurch faszinierende Obertöne entstehen. In dieser Zeit komponiert Georg Friedrich Händel - neben anderen namhaften Komponisten - mehrere Sonaten für die Blockflöte. Die Literatur ist zumeist anspruchsvoll und wird überwiegend von Männern gespielt. Professionelle Oboisten spielen sie als Zweitinstrument, aber auch Amateure erlangen erstaunliches Niveau.

Deutsche Griffweise

Ab 1750, zu Beginn der Industriellen Revolution, wird die Blockflöte in der Kunst immer weniger eingesetzt. Sie tritt in den Schatten der dynamischeren Querflöte. Die bietet mehr Lautstärke und mannigfaltig Farbspektren durch das neu erfundene Klappensystem. Die Querflöte verdrängt somit die leise Blockflöte aus den immer größer werdenden Konzertsälen. Mit der Erfindung der deutschen Griffweise in den 1930er Jahren geht die schlicht gehaltene Blockflöte in die Massenproduktion und erlangt ihren endgültigen Durchbruch.

Mit sieben Grifflöchern vorne und einem Daumenloch hinten unterscheidet sich die Schulblockflöte primär in Intonation und Griffweise vom verwandten Barockinstrument. Während bei der barocken Griffweise der Blockflöte ein Finger beim Abdecken der Löcher ausgespart wird, um beispielsweise das F auf einer C-Flöte zum Klingen zu bringen, wird bei der deutschen Griffweise ein Finger nach dem anderen gehoben, um die C-Dur-Tonleiter zu spielen. Nach C-Dur, F-Dur und G-Dur ist die normale, also die weit verbreitete Blockflöte mit einer sauberen Intonation und Obertonstruktur schnell wieder am Ende. Was auch daran liegt, dass die Gestaltung der Innenbohrung der Löcher schlicht gehalten ist, um nicht zu sagen schnurgerade hineingebohrt anstatt nach innen erweitert. Eine A-Dur-Tonreihe mit drei Kreuzen kann somit selbst von einem geübten Spieler nicht intonationsrein gespielt werden. So ist es mit den meisten Tonarten, die mehrere Vorzeichen haben.

Zudem wird bei diesen die deutsche Griffweise kompliziert. Sie versucht, Intonationsproblematiken zu kompensieren, die im Vergleich zum Barockgriff nicht auszugleichen sind. "Die meisten Musikpädagogen der Zeit stört das nicht. Sie argumentieren, die Schulblockflöte sei für intonationsreines Spiel nicht gemacht; dieses sei ihr gar wesensfremd. Kritiker der Zeit sehen das anders und warnen vor dem Imageschaden der Blockflöte", so Stelzer.

Massenweise Laieninstrumente

Aufgrund des leichten Spiels etabliert sich die Blockflöte als Laieninstrument. Das kommt später der nationalsozialistischen Ideologie zugute. Dank anleitender Literatur und Grifftabellen ist der Lerneffekt groß. Das motiviert. Lieder werden nach wenigen Wochen vor Publikum gespielt, während ein sauber erzeugter Ton auf einer Geige vergleichsweise monatelanges Üben voraussetzt. Bereits in den 1930ern wird die Blockflöte in Musikschulen und Schulen eingesetzt. Zur weiteren Verbreitung trägt Literatur in hoher Zahl mit leicht zu spielende Bearbeitungen von Volksliedern und -tänzen oder Neukompositionen bei.

Die Nazis bedienen sich des weitverbreiteten Instruments. Während es bis 1935 primär um die Säuberung der Künste geht, werden in weiterer Folge gemeinschaftsbildenden Veranstaltungen verstärkt. Viele Musiker und Komponisten erhoffen sich durch staatliche Kulturförderungen eine bessere Zukunft, sind selbst Nazis oder emigrieren.

In Deutschland und Österreich wird an Gymnasien das gemeinschaftliche Musizieren, insbesondere das Singen, Pflicht. Die Blockflöte ist das Begleitinstrument für Gesang, Tanz und der Gestaltung von Schulfeiern. "Auch in Schulorchestern werden Blockflöten eingesetzt, ebenso wie sie im Musikunterricht dazu dienen, den Schülern musiktheoretische Grundlagen beizubringen und disziplinierend zu wirken", so Stelzer. Gemäß der nationalsozialistischen Gleichschaltung bleibt für Kreativität kein Raum. Die Jugend wird in Chören, Laien- und Musikkapellen herangezogen. Sie wirken bei Feierlichkeiten oder Festzügen der Verbände mit. Um auf dieses Ensemblespiel vorzubereiten, beginnt das Spiel in Kleingruppen bereits im Kindergarten.

Gerade bei den Jüngeren dient die Blockflöte als Atem- und Singschule. Die Kinder können einander begleiten und mit dem Instrument den mehrstimmigen Gesang unterstützen. Einstmals von Buben gespielt, wird das Flötenspiel verstärkt von Mädchen praktiziert. In den Reihen vom Bund Deutscher Mädel sind Blockflöten beim häuslichen Musizieren gerne gesehen, um Kinder-, Wiegen- und neukomponierte Feierlieder zu spielen. Fortan sind Knaben Nachwuchsspieler für laute Blechblasinstrumente und Fanfaren.

Die Zukunft der Blockflöte

Mit dem Ende des Nationalsozialismus bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ändert sich kaum etwas an den Lehrplänen. Neu ist die deutliche Trendwende seit den 1990ern weg von der Blockflöte als verpflichtendes Erstinstrument. Es darf direkt mit dem Wunschinstrument, wie Gitarre oder Klavier, begonnen werden. Während die Zeit des Keyboards über die Blockflöte hinweg eilt, bleibt die Frage offen, ob die Blockflöte als Kammermusikinstrument jemals zurückkehren wird. Sie virtuos zu spielen, erfordert schließlich ein ebenso hohes Engagement wie bei jedem anderen Instrument.

Um dieses Bewusstsein geht es Stelzer: Weg von dem negativ konnotierten Instrument - hin zu einem, für das große Komponisten große Musik geschaffen haben.