Russische Töne zum Neustart des Klassikbetriebs: Seit Sonntag residiert das Mariinski Orchester im Konzerthaus und rührt drei Abende lang für die Musik von Dmitri Schostakowitsch die Werbetrommel. Erfreulich, dass sich der Große Saal schon an Tag eins nach dem Lockdown recht stattlich füllte: Pult-Star Valery Gergiev, seit 33 Jahren an der Orchesterspitze, besitzt auch in Krisenzeiten und mit fordernden Partituren Zugwirkung. Wobei: Leichte Abwanderungstendenzen gab es nach der Hälfte schon zu registrieren.

Der stärkste Tobak stand da aber noch bevor. Schostakowitschs Vierte ist die wohl schroffste Symphonie, die der Russe zeitlebens (1906 bis 1975) schrieb, und das letzte Zeugnis eines Wegs, den er bewusst verließ: rund 65 Minuten lang kein roter Faden für die Ohren, stattdessen musikalisches Inselhopping zwischen kühnen Klangexperimenten. Kein Wunder, dass Schostakowitsch diese Partitur, nach Stalins Rüffel für seine ruppige "Lady Macbeth", 25 Jahre in der Schublade schmoren ließ. Es hätte sein Ticket in den Gulag werden können.

Verdienstvoll, dass Gergiev in Wien nicht nur die "Hits" des späteren Schostakowitsch, sondern auch dieses Notenungetüm zur Debatte stellt und es mit gebührender Schärfe und virtuosen Solisten realisiert. Applauskaiser des Abends ist allerdings das Zweite Klavierkonzert: Ein Stimmungsaufheller dank klassizistischen Grundtons, kecker Dissonanzbeigaben und einer treibenden Motorik des Klaviers. Denis Matsuev brilliert als Tastentiger, der ebenso samtpfötig wie prankenartig zu agieren weiß: Jubel.