So oft man es gelesen hat: Die Tatsache, dass Tschaikowskis Violinkonzert in Wien uraufgeführt wurde, überrascht stets aufs Neue. Die verbriefte Bemerkung des Kritikers Eduard Hanslick von den Musikstücken, die man stinken höre, klingt heutzutage fast absurd. Das Werk von 1881 ist ein Publikumshit und bestens geeignet, um gerade in Zeiten wie diesen eine erbauliche Abwechslung von den Herausforderungen des Alltags zu bescheren.

Konzentriert und amikal

Im Wiener Musikverein gelang dies Leonidas Kavakos und den von Adam Fischer geleiteten Wiener Symphonikern blendend. Mit einer Mischung aus Nonchalance, Konzentration und amikaler Kontaktbereitschaft in Richtung Orchester widmete sich der groß gewachsene Geiger mit der an Franz Liszt erinnernden Frisur Tschaikowskis Musik. Urwüchsig klingt diese hier, erdig, klanglich variabel. Kavakos formt seine Phrasen in Anlehnung an die Sprache eher kleinteilig, er folgt nicht dem breiten Strich oder einer glatten Perfektion. Das Orchester agierte unter dem nimmermüden Adam Fischer mit Spielfreude und Verve. Herrlich gelang die Übernahme nach der Kadenz im ersten Satz durch die Flöte.

Fünf Jahre nach Tschaikowskis Konzert hörte das Wiener Publikum erstmals die Vierte Symphonie von Johannes Brahms, die Hanslick begeisterte. Die Symphoniker kennen und können dieses Maßstab setzende Werk: Mit Stringenz, verbindlicher Entschlossenheit und packendem Ernst durchmaßen Orchester und Dirigent die vier Sätze.