Verneigungen vor Johann Sebastian Bach gibt es viele. Eine besonders launige war heuer in einem Interview auf YouTube zu erleben. Der Jazz-Gitarrist Pat Metheny verlieh da seiner Hochachtung vor dem Fugenmeister, von ihm beharrlich "Bak" ausgesprochen, mit den folgenden Worten Ausdruck: "Compared to Bach we all suck." Frei übersetzt also: Verglichen mit Bach sind wir alle Nieten.

Eine üppige und virtuose Huldigung kommt nun von Daniil Trifonov: Der wohl weltbeste der U-40-Pianisten hat sich ein Jahr lang täglich in die Polyphonien des Barockmanns versenkt und legt jetzt das Album "The Art of Life" vor. Das Privatleben des Russen dürfte den Titel und die Werkwahl beeinflusst haben: Trifonov, seit einem Jahr Familienvater, würdigt Bach nicht nur als Geistesriesen des Kontrapunkts, sondern auch als Familienvater eines kinderreichen Haushalts. Musik von vier Bach-Söhnen (darunter die hübschen Variationen von Johann Christoph Friedrich Bach) eröffnet das Album; Ausschnitte aus dem "Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach" (Bachs zweiter Ehefrau) geben Einblick in die familiäre Musikerziehung, und sie lassen beim Anhören mitunter stutzen: Spielt der Superpianist Trifonov da tatsächlich jenes Kinderstück, das der Jugend der 80er Jahre als Titelmelodie der "Familie Petz" ins Ohr ging?

Daniil Trifonov Bach: The Art of Life
Daniil Trifonov Bach: The Art of Life

Im Kern konzentriert sich der Russe aber auf einen Gipfel des Bach’schen Werks, nämlich auf die "Kunst der Fuge". Die 14 Fugen und 4 Kanons, allesamt auf einem Thema aufgebaut und von Bach keinem Instrument zugewiesen, waren ursprünglich weniger als Ohrenkitzel gedacht denn als Demonstration für den Kennerblick - als Beweis, was für Prachtbauten sich auf Notenpapier mit den Mitteln des Kontrapunkts errichten lassen.

Jan-Peter de Graaff, Maya
Jan-Peter de Graaff, Maya

Trifonov überträgt diese Architekturen kristallklar in den Klangraum: Prägnante Akzente und eine flexible Artikulation lassen die Stimmverläufe bis in die letzte Verästelung glänzen. Dabei verzichtet Trifonov auf romantische Agogik und Tastendonner, verleiht der Musik jedoch eine emotionale Färbung und immer wieder eine entrückende Grazie: Das Klanggeschehen des siebenten "Contrapunctus" scheint wie in einem linden Wind dahinzugleiten.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Kontemplative Schönheit lässt sich auch in zeitgenössischer Musik entdecken - etwa bei Jan-Peter de Graaff. Der Niederländer Jahrgang 1992 erdenkt Klanglandschaften, die ihre ruppigen Regionen besitzen, aber auch atmosphärische Ruhezonen: Da verharrt die Musik in flirrenden, delikaten Akkorden und bildet Melodiebögen von fast schon tonaler Schönheit. Ein Prachtbeispiel dafür ist De Graaffs Viertes Konzert für Cello und Orchester, das eine Anmut von nachgerade meditativer Qualität aufbietet, ohne dabei je mit den Ansprüchen einer atonalen Kunstmusik in Konflikt zu geraten. Ebenfalls auf dem Album aus dem Hause trptk: De Graafs Fünftes Konzert "The Forest in April", das seinem Vorgänger würdig nachfolgt. In beiden Stücken gleichermaßen erfreulich: die Intensität und Lebhaftigkeit von Maya Fridmans Cellospiel, begleitet vom North Netherlands Symphony Orchestra.