War es Überzeugung, falsche Bescheidenheit oder die Angst vor Koloraturen, die am Montagabend für Gemächlichkeit sorgte? Erwin Ortner dirigierte im Musikverein Georg Friedrich Händels "Messiah" und leitete nicht nur seinen Schönberg-Chor, sondern auch die Lautten Compagney Berlin. Der Chor verkörperte die Rolle der Wissenden allzu gut: Die Prophezeiungen klangen weder suchend, neugierig noch dynamisch. Beim "Hallelujah" mangelte es an der Aussprache, dafür gab es keinen Pausenpatzer. Ortner zog die Noten in die Länge, als solle die Musik nie enden; seine ganze Leidenschaft gilt seinem Chor.

Dabei bewies das Orchester durchaus seine Qualitäten, erfreute mit einem gerundeten Klang und in den hohen Stimmen mit einem zauberhaften Unisono; nur das Continuum hätte mehr hervorstechen dürfen.

Tosender Beifall

Herausragend unter den Solisten Bassbariton Florian Boesch, der nicht nur zeigte, was "Sound" ist, sondern ihn auch genoss: Er brillierte stimmlich, sprachlich und interpretatorisch. Sopranistin Cornelia Horak war ihm im Ausdruck ebenbürtig, verstummte aber bei den höchsten und längsten Tönen. So büßte die Tenorarie "Behold, and see if there be any sorrow", die sie übernahm, einiges an Reiz ein. Tenor Jeremy Ovenden und Altistin Katarina Bradić besitzen hinreißende Stimmen, jedoch atmete sie in den Phrasen, während er sich um Koloraturen wand. Dennoch tobte der Saal am Ende und erhielt als Zugabe ein "Hallelujah", von Ortner in Richtung Publikum dirigiert.