Das Jahr 2024 droht. 2022 wird wohl noch Corona sein, 2023 entweder Corona-Befreiung oder Corona-Mutation (Übergang von griechischen Schriftzeichen zu chinesischen, weil es mehr davon gibt), 2024 ist dann Anton-Bruckner-Jahr. Das kommt fast auf das Gleiche hinaus. Das Label Capriccio spielt mit, und zwar mit einer der absurdesten Unternehmungen, die man sich vorstellen kann - wenngleich sie jetzt einmal zwei absolut bemerkenswerte Ergebnisse gezeitigt hat.

Die Basis des Bruckner-Wahnsinns ist die Frage der Fassungen der neun Sinfonien. Es gibt dazu einen bezeichnenden Witz: Wie viele Sinfonien hat Bruckner komponiert? - Achtzehn. Nämlich drei Mal die Erste, zwei Mal die Zweite, drei Mal die Dritte und so weiter. Nicht mitgezählt dabei die frühe Studiensinfonie und die "annullierte" d-Moll-Sinfonie.

Anton Bruckner Sechste Sinfonie (Capriccio)
Anton Bruckner Sechste Sinfonie (Capriccio)

Bruckner ist ein Komponist, um den sich eine quasi gläubige Gemeinde gebildet hat, deren Überzeugung es ist, dass jede noch so skizzenhafte, verunglückte und später korrigierte sinfonische Äußerung ihres Meisters Gültigkeit besitzt, dass also jede Fassung für sich steht und aufführenswert ist. Als ob es nicht zum redlichen Komponistenhandwerk gehört, Verbesserungen, zum Teil auch tiefgreifende Überarbeitungen anzubringen. Nur wenige Komponisten waren ein Wolfgang Amadeus Mozart, der seine Werke im Kopf fertiggestellt und dann nur noch niedergeschrieben hat.

Anton Bruckner Achte Sinfonie, Fassung von 1890 (Capriccio)
Anton Bruckner Achte Sinfonie, Fassung von 1890 (Capriccio)

Nun zur Capriccio-Unternehmung: Sie besteht darin, bis zum Bruckner-Jahr sämtliche Sinfonien in sämtlichen Fassungen vorzulegen, zumindest beinahe: Fassungen mit relativ wenigen Änderungen werden ausgelassen. Aber etwa die "Vierte" scheint in allen ihren vier Versionen geplant zu sein. Wie es ein Dirigent, im konkreten Fall Markus Poschner, hinbekommt, alle Fassungen als gleichwertig zu betrachten, ist ein Rätsel. Zumal, wenn, wie im Fall der "Achten", die Zweitfassung turmhoch überlegen ist.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Deren Aufnahme liegt jetzt vor - und sie ist fabelhaft. Poschners Tempi sind vernünftig, weder überhastet noch verlangsamt. Ungeheure Energie erfüllt die Musik, weil Poschner vom Rhythmus ausgeht.

Dieser stete Puls macht, noch mehr als die "Achte", die sonst so stiefkindlich behandelte "Sechste" zum Ereignis. Lange sucht man, um eine Einspielung von vergleichbarer Qualität zu finden. Man muss zurückgehen bis zur Aufnahme von Otto Klemperer und der nahezu übersehenen von Horst Stein mit den Wiener Philharmonikern, um eine annähernd so kraftvolle, scharf konturierte "Sechste" zu finden. Poschner lässt die Rhythmen federn und tanzen, und er behält die Kontrolle im langsamen Satz, den er strömen, nicht aber verströmen lässt: Da führt alles klar und durchsichtig ganz ohne mystizistisches Brimborium zum Höhepunkt.

Das gelingt Poschner übrigens auch im sonst so problematischen Adagio der "Achten": Dass man in dieser Aufnahme nicht, wie der Komponist unbeholfen anmerkte, des lieben Gottes ansichtig wird, sondern leuchtende Bläsersätze in wunderbarem Kontrapunkt hören darf, ist ein Vorteil, der nicht zu verachten ist. Das Bruckner Orchester Linz glänzt in beiden Aufnahmen mit holbläserbetontem körnigen Klang. Vielleicht hat hier ein bedeutender Bruckner-Zyklus seinen Anfang genommen.