Das sieht man auch nicht an jedem Neujahrsmorgen: Polizeikräfte haben den Vorplatz des Wiener Musikvereins abgesperrt. Steht hoher Staatsbesuch vor der Tür? Nein, klärt ein Beamter auf: Es besteht der Verdacht, dass Corona-Demonstranten versuchen könnten, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker mit einer Lärmaktion zu stören.

Es versucht dann allerdings niemand, die Absperrungen zu durchbrechen. Und der Große Musikvereinssaal erinnert an eine Insel der seligen Normalität. Stimmt zwar: Das Publikum ist zum Tragen von FFP2-Masken verpflichtet und wird von Saalordnern streng beäugt, es muss am Eingang einen Datenstrip im Sinne der 2-G-plus-Regeln ablegen, und die Plätze oberhalb des Parterres sind wegen der jüngsten Corona-Restriktionen gesperrt worden. Die zugelassenen Reihen sind aber bis auf kleine Löcher gut gefüllt: Womöglich ein Indiz, dass es auch ausländische Kartenbesitzer noch in den Saal geschafft haben (vielleicht auch dank jener PCR-Schnelltests, die das Philharmoniker-Büro für Notfälle empfohlen hat).

Dass sich die Musiker auf der Bühne in Hochform befinden, wundert kaum: Nicht nur spornt eine Fernsehübertragung in 92 Nationen naturgemäß zur Topleistung an. Es war heuer auch denkbar unwahrscheinlich, dass ein Kater aus der Silvesternacht die Orchestermitglieder dämpfen würde – verpflichteten sich diese doch in den Vortagen zu einer strengen Kontakt-Diät, um die Austragung des TV-Spektakels nicht zu gefährden.

Klangbild der Luxusklasse

So beginnt das Jahr 2022 (abgesehen von einem kleinen Schmiss ausgerechnet im "Donauwalzer") mit einem Walzerklangbild der Luxusklasse, in dem sich die Orchesterfarben delikat durchmischen, während die Philharmoniker mit ihrem unverkennbaren, leicht verschlapften "Umtata"-Rhythmus charmieren.

Mitverantwortlich dafür natürlich der Mann am Pult, also Daniel Barenboim, der den Traditionstermin bereits zweimal dirigiert hat. Der 79-Jährige, zuletzt wegen eines Rückenleidens zu einigen Absagen gezwungen, leitet das Orchester diesmal zwar mit einer spärlichen Signalgebung. Gleichwohl ist unüberhörbar, wie sehr Barenboim und die Philharmoniker an Nuancen feilen, wie oft da fein an der Temposchraube gedreht und die Lautstärke abgestuft wird: Das (punktuell) Zünftige trifft immer wieder auf das Zarte, der grandiose Bläsersatz auf die grazile Streicherlinie.

Das beginnt schon bei Josef Strauß’ "Phönix-Marsch", der das Konzert flaumig-beschwingt eröffnet, und setzt sich bei den "Phönix-Schwingen" von Johann Strauß Sohn fort – einem Stück, das der Walzerkönig nach schwerer Krankheit verfasst hat und wohl nicht zufällig im philharmonischen Aufgebot des dritten Corona-Jahrs gelandet ist. Auch der "Morgenblätter"-Walzer, nicht gerade das stärkste Produkt aus der Notenmanufaktur von Strauß Sohn, besitzt an diesem Vormittag subtilen Charme: Die Hommage an das Printgewerbe vermittelt sich mit nobler Klangfülle, ergänzt um einen Schuss Schwelgerei. Barenboim, kein Freund der Raserei, hält die Tempi bevorzugt in einer mittleren Zone und die Musiker zu einer delikaten Phrasierung an – auch in Josef Strauß’ Polka "Die Sirene". Deren Gesänge fahren animierend in die Beine, entwickeln aber auch eine fast melancholische Schönheit.

Kompliment an die Programmgestaltung: Flotte Ballmelodien mengen sich mit aparten Durchschnauf-Nummern zu einer kurzweiligen Dramaturgie (fast) ohne Durchhänger, und das gilt auch für die zweite Hälfte. Nach der "Fledermaus"-Ouvertüre wird da mit Carl Michael Ziehrers "Nachtschwärmer"-Walzer eine Überraschungspointe serviert, verwandeln sich die Philharmoniker dabei doch in einen Zecherchor, der – im Gegensatz zu den aktuellen Corona-Regelungen – keine Sperrstunde kennt. Am gelungensten hier aber wohl (nach der putzigen "Heinzelmännchen"-Ballettmusik von Josef Hellmesberger d. J.) der "Sphärenklänge"-Walzer von Josef Strauß: Wie die Philharmoniker da Wagnerianische Notenwolken türmen, sucht seinesgleichen.

Es kommt, was noch kommen musste, also der "Donauwalzer" mit dem "Prosit Neujahr!"-Ruf aus der vereinten Orchesterkehle sowie der "Radetzky-Marsch". Nicht zu vergessen eine kleine Rede des Maestros: Corona, sagt Barenboim, sei eine humanitäre Katastrophe, weil es die Menschheit auseinander zu dividieren drohe. Das leuchtende Gegenbeispiel: ein Orchester, das im Akt des Musizierens eins werde. Bleibt zu hoffen, das solche Appelle im Folgejahr obsolet sind, wenn Franz Welser-Möst das Konzert leitet.