Auf die Frage, warum er auf dem Cover seines neuen Albums so unvorteilhaft aussehe, soll ein führender Opernsänger vor einiger Zeit nur mit den Schultern gezuckt haben: Das sei doch bloß eine CD - ein Produkt also, das in Streaming-Zeiten kaum noch wer zu Gesicht bekomme.

Jordi Savall, Legende der Originalklangbewegung, lässt seinen Tonträgern noch deutlich mehr Sorgfalt angedeihen und hebt sie weiterhin in liebevoller Eigenregie auf seinem Label Alia Vox aus der Taufe. Das jüngste Elaborat des Katalanen enthält ein dreisprachiges, fast 200-seitiges Booklet, das mit einer Flut an historischem und heutigem Bildermaterial behübscht ist; selbst die beiden Silberscheiben sind farbenfroh dekoriert.

Joseph Haydn
Joseph Haydn

Dieser Aufmachungsluxus steht dem Inhalt trefflich an, arbeitet sich der 80-jährige Dirigent doch an Joseph Haydns "Schöpfung" ab, also an einem Gotteslob, das an Prachtentfaltung und Opulenz kaum zu übertreffen ist: 110 Musikminuten lang feiern die Orchesterkräfte, Chorstimmen sowie ein Sängertrio jene sechs Werktage, an denen der biblische Himmelsvater die Erde, das Tierreich und das Menschengeschlecht hervorgebracht hat. Es hat gute Gründe, warum Haydns Hommage an die Genesis kaum an Frohsinn und Optimismus zu überbieten ist: Wenn da oben ein Allmächtiger einen ausgeklügelten Plan verwirklicht und seine Kinder bedingungslos liebt - was haben wir hernieden dann schon zu befürchten? Vielleicht kommt es nicht von Ungefähr, dass Savall "Die Schöpfung" ausgerechnet im Vorjahr und damit mitten in der Corona-Krise auf Tonträger gebannt hat.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Und es ist dann auch eine herrliche Aufnahme geworden. Savall, kein Freund eines dürren Originalklangs, bringt die schwelgerischen Momente dieser Partitur, ihre Jubelfugen und -gesänge, hinreißend zur Geltung: Die Capella Reial de Catalunya erweist sich von den Chorbässen bis zu den Sopranspitzen als textdeutlicher Botschafter der Sinnenfreuden und wird von den Blechbläsern des Concerts des Nations mit wohldosierter Wucht befeuert. Ein Genuss, wie sich die kontrapunktischen Linien durchwirken, ohne dass dabei Feinheiten (wie etwa die motorischen Streicherfiguren) unter die Räder gerieten.

Haydns Klangmalereien, die das biblische Geschehen so anschaulich illustrieren wie ein altmeisterliches Altarbild, kommen ebenfalls plastisch und feingliedrig zur Geltung. Das gilt für das zarte Flötensolo der Nachtigall ebenso wie für die Streicherlinien der "schäumenden Wellen", und natürlich für die "Vorstellung des Chaos" zu Beginn. Musikhistorisch ein Sonderfall, dieses Präludium: Näher an den Rand zur Dissonanz hätte sich Haydn rund um 1800 kaum wagen können. Savall bringt diese Kühnheiten zur Geltung, ohne dabei einer zeitgenössischen Übertreibungslust anheimzufallen: Markante Akzente und wallende Lautstärken schildern ein Wirrwarr, das dennoch nicht aus dem Rahmen einer klassizistischen Klang-Ästhetik fällt.

Die Solisten betonen vor allem die intimen Seiten dieses Prachtwerks: Sowohl Yeree Suh mit ihrem leichten, engelshaft androgynen Sopran als auch Tilman Lichdi mit dem jugendlichen Tenor-Timbre und Bariton Matthias Winckhler, meist samtweich anzuhören, glänzen in erster Linie als feinfühlige Legato-Könner. Keine allmächtigen Verkündigungsstimmen, eher Herolde einer sanften Gottesliebe.