Irgendwann wird sich die Auffassung durchsetzen, dass nicht die "West Side Story" Leonard Bernsteins Bühnen-Meisterwerk ist, sondern "Candide".

Menschenskind, war das ein Flop, damals, bei der Uraufführung am 1. Dezember 1956 in New York. Dabei schien alles perfekt: Lillian Hellman, bekannt für "Die kleinen Füchse", hatte das Libretto geschrieben, Dorothy Parker und Richard Wilbur die Gesangstexte, Bernstein galt nach den New-York-Musicals "On the Town" und "Wonderful Town" als aufgehender Stern des Broadway.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Und dann dieses Desaster!

Es hat sich eingebürgert, der Hellman die Schuld zu geben: Sie habe ein miserables Libretto geschrieben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn wer, bitteschön, bringt schon eine Voltaire-Satire auf die Broadway-Bühne, die sich ausgerechnet gegen den Optimismus richtet, der zu den genuin US-amerikanischen Tugenden gehört?

Leonard Bernstein Candide
Leonard Bernstein Candide

Und erst die Musik! - Eine Mischung aus Stilen: Ein Drittel gehört der Operette, als die Bernstein "Candide" bezeichnet hat, aber ein Drittel ist Musical und ein Drittel ist Oper. Gut, das kannte man von den Musicals Kurt Weills. Aber bei Weill wusste man, was ernst gemeint war und was einen komödiantischen Anstrich hatte. Bei Bernstein konnte man dessen nie sicher sein: Da findet einer zu spanischen Rhythmen allerhand Gutes in seiner Syphilis-Erkrankung, und das zu Voltaires Handlung hinzuerfundene Autodafé ist eine grell komödiantische Nummer, mit der die Autoren den McCarthy-Tribunalen die Zunge zeigen.

Die Kritiker waren anderer Meinung als das Publikum: Nach 73 Aufführungen fiel zwar der letzte Vorhang, aber es gab Nominierungen für fünf Tony Awards.

In der Folge kam es zu mehreren Bearbeitungen, die sich teilweise als erfolgreich erwiesen. Als dann Bernsteins Sehnsucht, eine Oper zu schreiben, ins Unermessliche wuchs, machte er aus "Candide" auf der Basis einer Fassung der Scottish National Opera eine komische Oper mit knappen gesprochenen Dialogen. Diese Version setzte sich, mehr oder minder verändert, durch, und Bernstein selbst nahm sie für die Deutsche Grammophongesellschaft (DG) auf.

Irgendwann wird sich die Auffassung durchsetzen, dass Leonard Bernstein ein genialer Dirigent, nicht aber der ideale Interpret seiner eigenen Werke war.

Es ist die neue Einspielung von "Candide" unter Bernsteins Meisterschülerin Marin Alsop, der derzeitigen Chefdirigentin des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien, die sich nun als bester "Candide" bisher erweist. Das London Symphony Orchestra ist von sagenhafter Brillanz. Alsop entfesselt ein Feuerwerk an Farben. Rasiermesserscharf fegen die Rhythmen, für Lyrismen ist etwas Zeit - aber nicht zu viel: Kitschig zerfließen darf hier nichts, alles wird intellektuell kontrolliert vorangetrieben.

Bei den Sängern dominieren die reinen Opernstimmen: Leonardo Capalbo stattet den Candide mit Italianità aus, Jane Archibald ist eine höhensichere Cunegonde, die in ihrer fast schon absurd schwierigen Koloraturarie "Glitter and be gay" die Töne schwerelos tanzen lässt. Hinreißend als Dr. Pangloss: Thomas Allen. Bernstein gönnte sich als Old Lady die Luxusbesetzung Christa Ludwig; bei Marin Alsop ist Anne Sofie von Otter gleichwertig.

Diese Aufnahme setzt Leonard Bernsteins Meisterwerk nicht nur ins rechte Licht - sie macht glücklich.