Wenn die Totenglocken eines Popstars läuten, klingelt für die Musikindustrie in der Regel die Kasse. Denn im Falle eines solchen Trauerfalls verkauft sich nicht nur der Katalog des Verstorbenen noch einmal prächtig. Es wird dann eifrig im Archiv gestöbert, ob sich aus dem Ausschussmaterial der Legende nicht ein lukratives "Lost Album" zusammenschustern lässt.

Im Falle von Johannes Brahms wäre dies ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Der Norddeutsche war nicht nur ein großer Partiturenproduzent, sondern auch Notenvernichter. Was seinem selbstkritischen Blick nicht standhielt, wurde mitleidlos zerstört. Rund 20 Streichquartette soll der Rauschebart zerstört haben. Dabei ging er auch Noten an den Hals, die den Zuspruch seiner Freunde genossen. War ihm herzlich egal, dass sein Klaviertrio-Satz in Es-Dur gefiel: Das Ding ging trotzdem in Flammen auf. Stattdessen werkelte Brahms damals lieber an einem Entwurf, dem sein Freundeskreis reserviert gegenüberstand, nämlich an dem Beginn seines Klaviertrios in C-Dur, abgeschlossen 1882.

Brahms Piano Trios 2 & 3
Brahms Piano Trios 2 & 3

Es hat seinen Grund, warum dieses Stück bis heute kein Applauskaiser geworden ist: Brahms treibt im Kopfsatz seine Vorliebe für dichte Strukturen auf die Spitze. Diese Musik reißt ihr Publikum nicht mit, sie galoppiert ihm eher davon mit ihrem Parforce-Ritt durch die Tonarten und wechselnde Rhythmen.

Thomas Larcher Symphony No. 2, Die Nacht der Verlorenen
Thomas Larcher Symphony No. 2, Die Nacht der Verlorenen

Und doch - gibt man dem sperrigen Stück auf CD eine zweite Chance, ändert sich die Sachlage beträchtlich. Noch einmal von vorne gehört, und, oh Wunder: Das Dickicht der Stimmen beginnt sich zu lichten, die schroffen Kanten der Übergänge runden sich und das Formenspiel der Motive gewinnt an Schlüssigkeit.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Das gilt besonders für die Aufnahme von David Haroutunian (Geige), Sofya Melikyan (Klavier) und Mikayel Hakhnazaryan (Cello). Das armenische Trio besitzt ausreichend Wendigkeit, um auch in scharfen Melodiekurven nie ins Schlittern zu geraten, es bewältigt Notenlawinen mit Bravour und Zartgefühl und beweist nicht zuletzt im dunkel-glühenden Scherzo packenden Biss. Eine Freude, dieses Album - umso mehr, als einem der Blick für die Schönheit dieser Musik (auch für das hier vertretene Dritte Klaviertrio) nicht in den Schoß fällt.

Die Klangwelt des Zeitgenossen Thomas Larcher wirkt dagegen fast zugänglich. Der heimische Tonsetzer Jahrgang 1963 zieht alle sinnlichen Register der zeitgenössischen Musik, lässt Streicher greinen oder im Gewimmel schwirren, die Orchesterfarben schillern und Tutti-Dissonanzen wie Feuerwerke explodieren. Der Tiroler Freigeist ist jedoch auch Akkorden aus der Sphäre von Dur und Moll nicht abgeneigt und bezieht sie so schlüssig in seinen Kosmos ein, dass kein Mischmasch der Marke Die-Faust-aufs-Aug entsteht. Exemplarisch nachzuhören ist dies in seiner Energie-durchpulsten Zweiten Symphonie, vom Finish Radio Symphony Orchestra unter Hannu Lintu auf Tonträger gebannt. Dass diese Musik bisweilen an Bach und Mahler gemahnt, dann wieder an György Ligeti oder auch an den fulminanten Original-Soundtrack von "The Matrix", lässt einen 36 Minuten gebannt an der Sesselkante hocken. Pluralismus nicht als Quelle von Beliebigkeit, sondern von hochgradigem Suspense.