Müsste man die Kompetenzen von Jordi Savall in einem Begriff ausdrücken, man könnte sagen, der Katalane ist eine Ein-Mann-Bibliothek. Der 80-Jährige besitzt nicht nur das Wissen eines Dirigenten, der Musik vom Mittelalter bis zur Klassik im Klangbild der jeweiligen Zeit präsentiert und auch meisterlich Gambe spielt. Zudem ist er eine Koryphäe der Musikgeschichte und -soziologie. Auch dies Kenntnisse mit praktischem Mehrwert: Als treibende Kraft der Plattenfirma Alia Vox - Savall ist auch Labelbesitzer - erarbeitet er Konzeptalben, spannt dabei Bögen über die Jahrhunderte und Landesgrenzen und vermittelt seine Wissensfülle in Begleittexten, die das branchenübliche Booklet zum Buch anschwellen lassen. Ein Prachtbeispiel dafür "Mare Nostrum": Das "CD-Buch" zeichnet den Kulturaustausch rund ums Mittelmeer bis 1500 nach und lässt sich - Savall ist auch Friedensaktivist - als Hohelied auf die verbindende Kraft der Musik verstehen.

Am Sonntag gastiert der vitale Mann aus Barcelona wieder einmal bei einem seiner Stammfestivals, den "Resonanzen" im Konzerthaus, und feiert die 30. Ausgabe der Reihe mit einem Ausnahmekonzert: Savall erinnert mit seinen drei Ensembles (Hespèrion XXI, Le Concert des Nations und dem Chor La Capella Reial de Catalunya) an sein Debüt-Programm im Gründungsjahr des Festivals.

Wie fühlt sich so eine Wiederholung für einen sonst unermüdlichen Entdecker verlorener Musikschätze an: irgendwie seltsam? Es sei nicht ganz eine Wiederholung, sagt Savall im Telefoninterview: "Die Grundidee ist zwar die gleiche. Aber wir spielen diesmal nicht viele kurze Stücke wechselnder Komponisten" wie im Jahr 1993, als an der wiederentdeckten Barockmusik noch "alles neu" gewesen sei. Heute sei so ein Programm schon "ein bisschen altmodisch", darum werde man die beiden Komponisten im Zentrum, Renaissancemann Cristobal de Morales und den revolutionären Claudio Monteverdi, in zwei Programmblöcken porträtieren.

Was hat sich im Lauf von 30 Jahren sonst noch alles verändert für die heute so erfolgreiche Alte Musik? Stimmt die Diagnose, dass sie im Establishment des Klassikbetriebs angekommen ist und sich die Nachwuchsausbildung professionalisiert hat?

Es hat sich nicht ausgeforscht

Savall, der sich das Gambenspiel selber beigebracht hat, stimmt zu: "Viele neue Ensembles und begabte junge Leute sind in die Szene gekommen. Das ist positiv, wir brauchen frisches Blut." Andererseits drohe der Alten Musik eine gewisse Saturiertheit. "Vor 30, 40 Jahren war das alles noch eine Terra incognita und jedes Programm für uns ein großes Risiko, ein Experiment. Es kann eine Gefahr sein, wenn sich eine gewisse Routine einstellt." Insgesamt beurteilt er den Status quo aber unaufgeregt: "Es gibt kreative und weniger kreative Ensembles."

Könnte es in absehbarer Zeit keine verschollenen Klangschätze mehr zu heben geben? Glaubt Savall nicht. Mag zwar stimmen, dass die Archive Mitteleuropas heute einigermaßen gut beforscht seien. Aber: "Es gibt hunderte Archive in verschiedenen Ländern, die noch nicht studiert sind, in Osteuropa oder in Südamerika." Außerdem: Was die Konzertsäle - Forschung hin, Entdeckung her - tatsächlich spielen, stehe auf einem anderen Blatt. "Man hört von dem großen Repertoire nur sehr wenig, das gilt auch für den Katalog der Klassik. Da hört man Beethovens Fünfte, Mozarts Requiem, immer dieselben Stücke. Dabei gibt es so viel schöne Musik kennenzulernen!"

Savall hat dazu einen breitenwirksamen Beitrag geleistet, als er 1991 den Soundtrack zum Filmerfolg "Die siebente Saite" zusammenstellte und einspielte. Ein Meilenstein in seiner Karriere? "Natürlich. Das Kino ist die populärste Kunstform heute, der Film bewirkt weiterhin, dass sich Leute für Barockmusik interessieren." Und dieser Kinohit spielt weiter eine Rolle im Leben Savalls, hat er doch erst jüngst Gambenstücke aus dem Soundtrack in der Elbphilharmonie vorgetragen.

Wobei es mit Konzerten derzeit nicht ganz leicht ist. Der Auftritt bei der Mozartwoche Ende Jänner: gestrichen samt dem ganzen Festival wegen Corona. Die Lage sei frustrierend, sagt Savall. Aber: "Ich nutze die Tage, die für Salzburg reserviert waren, und nehme Glucks ‚Don Juan‘ auf." Ein CD-Projekt, das damit auf Savalls Einspielung der "Schöpfung" von 2021 folgt. Apropos: War das Timing Absicht, Haydns frohes Oratorium just in Krisenzeiten anzugehen? "Nein, Zufall. Aber wir haben uns sehr gefreut. Jedes Projekt, das wir in diesen zwei Jahre trotz all der Probleme umsetzen konnten, war ein Wunder."