Es ist ein frühes Beispiel dafür, was man heute Cancel Culture nennt: Das Grabdenkmal von Georg Philipp Telemann in Hamburg war bereits rund 30 Jahre nach dem Tod des Komponisten wieder vom Erdboden verschwunden. Der Grund: ein Meinungsumschwung.

Der Barockmann, der zur Blüte der deutschen Tonkünstler gezählt hatte, sank posthum rapide im Ansehen. Und er wurde nicht bloß auf den Rang eines Mauerblümchens herabgestuft, die Musik des 1767 Verblichenen rangierte im Rang von Unkraut. Dass Telemanns Feder mehr als 3.600 Werke entflossen waren, galt der Nachwelt nicht mehr als Potenznachweis, sondern vielmehr als Gegenteil. Wer so viel schreibe, dem könne es nicht ernst sein mit der Tonkunst, der sei ein Fließbandfabrikant, ein Dudelmusikant. Die Schelte hatte freilich auch mit einer Zeitenwende zu tun. So gesegnet Telemann mit einem Leben von üppigen 86 Erdenjahren war, so unglückselig fiel der Zeitpunkt seines Todes - nämlich auf die Vorzeit jenes Geniekults, der sich für eigenwillige, fortschrittliche Kunstwerke zu begeistern begann. Überspitzt gesagt: Je mehr der Stern eines Beethoven aufging, desto mehr verblasste der von Telemann. Und das nachhaltig. Die Allgemeinheit kennt Telemann heute nur noch für seine "Tafelmusiken" - eine Werkserie, die dem modernen Verständnis von Easy Listening tatsächlich sehr nahekommt.

Georg Philipp
Georg Philipp

Dass Telemann damit Unrecht widerfährt, unterstreicht eine neue Aufnahme der Akademie für Alte Musik Berlin. Mag zwar sein, dass ein Johann Sebastian Bach seine Komponistenfeder kühner führte und dass Telemanns Musik das Ohr eher liebkost als fordert. Ganz originalitätsbefreit ist sein Gesamtwerk aber auch nicht (und auch nicht so monströs wie gedacht, dauert ein Telemann-Opus doch oft nur fünf Minuten). Außerdem: Muss man gefällige Musik rundweg ablehnen?

Brahms Late Piano Works op. 116-119
Brahms Late Piano Works op. 116-119

Muss man nicht, wenn sie das Ohr so kunstvoll kitzelt wie die zwei Suiten auf diesem Album: Die "Ouverture burlesque" und ihre Schwester "La Changeante" ("Die Launische") erweisen sich mit ihrem Reigen an mondänen Rhythmen als Tummelplatz der Sinnenfreude. Und das Violakonzert TWV 51:G9 rückt - damals eine Innovation! - ein Underdog-Instrument ins Zentrum und bringt dessen dunkle Reize anmutig zur Geltung. Das ist hier freilich auch Solist Antoine Tamestit zu verdanken sowie Bratschistin Sabine Fehlandt (in den Stücken für zwei Violen) und einem Ensemble, das verpönte Noten in einem filigranen, lebhaften Klangbild auferstehen lässt.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Der Liverpooler Pianist Paul Lewis glänzt mit einem ganz anderen Repertoire, nämlich den letzten Klavierstücken von Johannes Brahms. Die tragen zwar unbekümmerte Titel wie "Intermezzo" und "Capriccio", sind aber mitnichten Leichtgewichte: Der deutsche Vollbarträger hat auch an seinem melancholischen Spätwerk gefeilt und es mit schwerer Emotion befrachtet. Lewis, ein Schüler Alfred Brendels, verhehlt diese Substanz nicht, vermittelt sie aber in einem kristallinen Klangfluss. Der Brite verzichtet auf Extra-Akkorddonner und üppige Rubati und begeistert nicht zuletzt im Intermezzo op. 118/2, diesem tränentreibenden Weltwunder der Klavierliteratur, mit einem feinsinnigen Spannungsaufbau.