Der Eindruck täuscht: Der letzte Auftritt von Juan Diego Flórez im Konzerthaus hat nicht erst im Jänner stattgefunden. Wirklich lang ist es allerdings nicht her, dass der Publikumsmagnet aus Peru hier seine Verehrerschaft beglückt hat: Der letzte Termin datiert auf September. Nun, am Dienstag, stand der Mann mit dem wendigen Tenor wieder als Kernattraktion an der Rampe: Immer wieder Flórez! Aber warum auch nicht: Der 49-Jährige rangiert an der Weltspitze der Opernzunft, wohnt mit seiner Wiener Familie praktisch ums Eck und wärmt nicht etwa sein Herbstprogramm auf: Nach dem Liederabend nun ein Mix aus Barock-, Belcanto- und Bravourarien.

Dass der Beginn blass gerät, ist Flórez’ Begleitern anzulasten und einer wohl minimalen Probenzeit: Dirigent Claudio Vandelli und die Philharmonie Brünn liefern ihren Beitrag mit der nüchternen Routine eines Beamten. Sicher, so leise Töne gelten als sängerfreundlich, bilden aber einen befremdlichen Kontrast, wenn Flórez dazu die Herzensnöte von Glucks Orpheus ausschüttet und bei einer Rossini-Rarität ("La pietra del paragone") sein kremiges Timbre über bebende Letagobögen schickt.

Begeisterte in Wien: Juan Diego Flórez. - © Hohenberg / Sony Classical
Begeisterte in Wien: Juan Diego Flórez. - © Hohenberg / Sony Classical

Unerreichte Gitarre-Balladen

Spätestens in einer "Carmen"-Arie, mit nasaler Noblesse geadelt ("La fleur que tu m’avais jetée"), springt der Funken aber doch ein wenig auf die Brünner über, und die Offenbach-Nummer vom pfiffigen Paris ("La belle Hélène) vermittelt ihre Frivolität auch orchestral prickelnd. Weltklasse aber erst, wenn Flórez die Gitarre für jene südlichen Folklore-Zugaben schultert, in denen sich ein männlicher Balzgesang mit spitzentonsüßem Schmachten vermählt, "corazón" stets Trumpf ist und das Publikum verlässlich in ebendieses Herz getroffen wird: Bis zum Morgengrauen könnte man in einer Bar mit einem solchen Edelballadeur hocken - und vor Freude heulen. Im Konzerthaus noch zwei Opernhits, gefolgt von Standing Ovations.